Da für mich das eBook insbesondere als ein Korridor zum Leser einen vorrangigen Stellenwert erlangt hat, wurde an mich bereits öfter die Frage gerichtet, weshalb meine eBooks keinen DRM-Kopierschutz haben.
Die erste Antwort ist einfach: da ich in ihrer elektronischen Form die ersten drei Bände von "In den Spiegeln" unter einer Creative Commons Lizenz herausgegeben habe (Cory Doctorow lässt grüßen), ist für mich das Kopieren und Weitergeben des Produkts ausdrücklich erwünscht und willkommen. Ginge es nach mir, müssten alle elektronischen Lesegeräte bereits in ihrem Werkzustand mit meinen eBooks ausgeliefert werden. DRM wäre hierbei nicht nur absurd, sondern auch lästig. Wenn ein Autor ein Hotel in Kathmandu betritt und dort in der Lobby sein abgegriffenes Paperback findet, das unzählige Mal von einem Globetrotter an den nächsten verschenkt wurde, ist sein Gedanke sicherlich nicht: wieso haben die Schweine sich nicht alle ihr eigenes Exemplar erworben.
Bezüglich käuflicher eBooks ist die Antwort durchaus etwas komplexer. Doch das wundert nicht, denn wir leben in komplexen Zeiten.
Dass Kunst, Information und die dazugehörigen Medien einen globalen Wandel erfahren, kann niemand übersehen. Die Angst, dass 1000 Menschen eine bestimmte Musik hören, oder einen Text lesen, während äquivalent dazu nur 1 Stück verkauft wurde, ist groß. Dabei gab es mal eine Zeit, in der tatsächlich tausend Menschen ein einziges Buch gelesen haben. Das nannte man dann Bibliotheken oder Büchereien. Einige erinnern sich noch. Das war dieses Wikipedia von damals. Nur ohne einen Trupp frustrierter Hobby-Bürokraten, die durch die Regale stöbern und Texte schwärzen.
Die heutige Angst vor dem Raubkopierer entstammt einer grundsätzlichen Kulturphilosophie, einem Zeitgeist, der ursprünglich von der guten alten Gier aus der Taufe gehoben wurde. Die Idee, dass das nächste Jahr um jeden Preis ertragreicher sein muss, als das vorangegangene Jahr und dem Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. In den 60ern gab es ein Kulturphänomen, das man "Rock'n'Roll" nannte. Und wenn man damals einen angehenden Vertreter dieser Richtung befragte, was ihn motiviert, eine Band zu gründen, lautete (außer man interviewte Syd Barrett) die Antwort stets: "I wanna be rich and famous". Ein künstlerisches Motiv, das heute noch in Form von peinlichen "Supermodel"- und "Superstar"-Spektakeln im Privatfernsehen überlebt hat. Wer dort dann in der Jury sitzt, gehört in der Tat zu dieser mikroskopischen Minderheit jener Leute, die von DRM profitieren können. Zumindest mit Hilfe einer wuchtigen Anwaltskanzlei.
Auf das Risiko hin, wie Don Rumsfeld zu klingen: das ist für mich die "alte" Welt. Natürlich müssen Künstler bezahlt werden, weil sie sonst verhungern würden. Aber sie möchten auch viele Hörer, Zuschauer oder Leser erreichen. Hier steckt nicht selten ein gewisser Widerspruch drin, denn oft kann man das eine nicht im Einklang mit dem anderen haben.
Das Problem ist, dass im heutigen Verlagswesen kaum jemand versteht, wer Kopierpiraten eigentlich sind. Doch ich kann jedem Brief und Siegel darauf geben, dass kein Pirat der Welt jemals für das, was er kopiert, Geld ausgegeben hätte. Und ein überwiegender Teil jener Menschen, die seine Vervielfältigungsmaschinerie in Anspruch nehmen auch nicht. Keine Werbung und kein handelsüblicher Gutschein-Dünnschiss hätte diese Menschen jemals erreicht.
Es mag nicht überraschen, dass die selben Arschlöcher, die die Fahne für DRM schwenken, auf die gleichen Partys gehen, wie jene, die eBooks für 12 oder 15 Euro verkaufen. In meiner naiven Denke sollte das virtuelle und nicht greifbare Produkt stets deutlich preiswerter sein, als das Produkt, das aus echter Materie hergestellt wurde und eine breite Schneise des CO2-Fußabdrucks hinter sich zieht. Um 1000 Bücher zu verkaufen, muss ich 1000 Bücher herstellen. Das ist ein halber Baum. Um 1000 eBooks zu verkaufen, muss ich 1 Datei herstellen. Ich habe Schimpansen gekannt, denen dieser Sachverhalt klarer war als den meisten Verlegern. Stattdessen werden die eBook-Shops zunehmend als restriktive Plattformen gestaltet, mit überteuerten eBooks und bizarren Kopierschutz-Anforderungen. Das bezeichnet man dann als Kundenbindung.
Heute wird gerne mal der Künstler als moralisches Schild für dieses Thema benutzt. In manchen Plattenfirmen werden auch schon mal kernige Slogans kreiert, wie: "Jede schwarzgebrannte CD zerstört eine Nachwuchsband". Abgesehen davon, dass in den rosigen und wonnigen Zeiten des Musik- und Literaturbetriebs das Auszahlungsverhältnis zwischen Produzent und Künstler manchmal bei 20:1 lag und niemand sich berufen fühlte, irgendwelche kreativen Leute zu schützen, haben die meisten Künstler längst erkannt, dass eine Revolution in der Verbreitung, Verwaltung und Wertschöpfung von Kunst und Unterhaltung überfällig ist. Und dass diese Methode weniger spektakulär und exzessiv sein wird, wie in den "guten alten Zeiten" ist zwingend notwendig. Aber das gilt für alles, das uns heute bewegt. Natürlich ist es wahnsinnig toll, einen eigenen Leerjet zu haben und keine Prostituierte unter 2000 Euro anzufassen. Großartig! Aber leider einfach nur eine weitere zivilisatorische Laune, die in der selben Truhe mit der Aufschrift "20. Jahrhundert" eingesperrt gehört, wie Zyklon B, Derivate und Plateauschuhe für Männer.
Es tut mir leid das zu sagen, aber der Paradigmenwechsel ist kein Wohlfühlzustand, bei dem sich in Wirklichkeit gar nichts ändert und wir uns einfach paar nette Sachen gesagt haben, um uns nun besser zu fühlen. Manche Dinge werden in der Zukunft nicht tragbar sein. Ökonomisch, ökologisch, ethisch. Es gab schließlich eine Zeit, in der es als äußerst chic galt, einen halben Wald in Norditalien abzuholzen, nur um sechs Monate lang am Stück blutrünstige Zirkusspiele zu betreiben. Eine nette Idee, doch vollkommen asynchron zu unserer jetzigen Welt und Demographie.
Die Zeit der Superstars ist vorüber. Ich weiß, dass dem auch etwas Trauriges innewohnt. Die guten alten demolierten Hotelzimmer, das Anschnauzen von Servicepersonal und der Tross aus Bodyguards, Managern und Produktionsassistenten wird irgendwann endgültig der Vergangenheit angehören. Wir werden darüber in Büchern lesen und es in Spielfilmen nachleben und uns wünschen dabeigewesen zu sein. Das Caligula-Zeitalter, das wir die Moderne nennen, befindet sich heute schon in seiner Abenddämmerung. In den Schaltzentralen des Kulturbetriebs sitzen noch die alten Kader und brüten darüber, welchen noch nicht dagewesenen Beschiss man dem Konsumenten aufbürden kann, um wenigstens ein wenig der guten alten Exzesse in die neue Ära herüberzuretten. DRM ist nur ein Beispiel von vielen. Ein Beispiel für eine mißverstandene Zukunft.
Warum habe ich also kein DRM auf meinen Produkten? Die Antwort darauf ist auch die Antwort auf das Problem der Musik-, Film- und Literatur-Industrie. Weil der relativ nichtige Preis meines eBooks weniger Wert ist, als die "freiberufliche" Zeit eines Raubkopierers. Ein Leser, der drei oder vier Euro in mich investiert, tut dies, nachdem ich mehrere Monate über einem Manuskript geschwitzt, ein Lektorat finanziert und sich in die Formatierungsabgründe der eBook-Dateien begeben habe. Er besiegelt damit einen Pakt, der auf Augenhöhe stattfindet und keines Kopierschutzes bedarf. Ich genieße den Luxus, den Leser nicht auf seine Geldbörse reduzieren zu müssen.
Denn eins zeigt die Geschichte des Internets und der neuen Medien deutlich, ohne dass daraus die nötigen Konsequenzen gezogen werden: zwischen dem Vorhandensein und Nichtvorhandensein eines Kopierschutzes und der Überlebensfähigkeit eines Künstlers besteht keine, aber so gar keine Kausalität. Somit kehren wir zu der modernsten aller Fragen zurück: qui bono?
Für mehr Informationen: http://tinyurl.com/89epad9





