Freitag, 25. September 2009

Monster mit Spiegeln in den Augen

Am letzten Mittwoch (23. September) hätte ich gerne die UN-Vollversammlung besucht. Noch nie zuvor habe ich einen solchen (und zugegeben leicht ekelhaften) Wunsch verspürt, doch an diesem Tag wäre es kurzweilig und amüsant gewesen. Zwei wahre Meister der Entgleisungen, passionierte Bartträger, gelegt an den selben Tag - ein Muss für alle Eklatfans.

Und sie blieben uns beide nichts schuldig. Zuerst trat Muammar al-Gaddafi auf, der oberste Zampano von Libyen und begann die Vereinten Nationen zu zerpflücken. Leidenschaftlich bezeichnete er den Sicherheitsrat der UNO als Terrorrat und wirbelte unentwegt mit einem kleinen Büchlein herum, das sich sehr schnell als eine Kopie der UN-Charta entpuppte und im Zuge der abwertenden Gesten, an denen der libysche Revolutionsführer nicht verlegen ist, spontan eingerissen wurde. Aus den selten eingehaltenen fünfzehn Minuten Redezeit wurden castroeske 95 Minuten. Hillary Clinton verließ demonstrativ den Saal. Eine Handlung, die Gaddafis Auftritt eine zusätzliche Validät verlieh.

Am Nachmittag ließ auch die zweite orientalische Begegnung nichts zu wünschen übrig. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad trat auf und ließ eine weitere seiner bereits unzähligen Hasstiraden gegen Israel vom Zaun. Vertreter Israels sind an diesem Nachmittag lieber gar nicht erschienen. Die Zeichen und Gesten überließ man lieber den Deutschen, die dann die zentrale Aufgabe hatten, während Ahmadinedschads Rede aufzustehen und den Saal zu verlassen. Demonstrativ.

Doch zurück zu Muammar, dessen Auftritt deutlich interessanter war, als das bereits vertraute antisemitische Gekläffe von Ahmadinedschad. Es läßt den Mundwinkel zucken, wenn Männer wie Gaddafi und Castro zu sich zu Vorbildern des Paradigmenwechsels stilisieren und auf Antiglobalisierungsgipfeln Reden gegen die entfesselte Marktwirtschaft schwingen. Gaddafis Mission scheint es zu sein, jene Lücke zu füllen, die Arafat durch sein Ableben offensichtlich hinterließ und es ist befremdlich, wie oft es ihm, der den modernen islamischen Terrorismus überhaupt erst aus der Taufe hob, gelingt.

Auch ist kein Geheimnis, daß Gaddafi nur deshalb den Gastgeber UNO verunglimpfte, da die Weltorganisation seinen Antrag auf die Zerschlagung der Schweiz, den er am 2. September stellte, abgelehnt hat. Und warum wollte eigentlich Gaddafi die Schweiz auflösen lassen? Weil er wütend darüber war, daß die schweizer Polizei seinen derangierten Sohn Motassim Bilal "Hannibal" Gaddafi in einem Hotel verhaftete, nachdem er seine schwangere Freundin im Beisamen seiner Ehefrau verprügelt haben soll. Vater Gaddafi drohte mit Atombomben, die er zu seinem Bedauern nicht hatte.

Soweit die Schelte auf das Konto eines lupenreinen Diktators.

Die komische Tragik an dieser Sache besteht darin, daß alles, das Gaddafi an diesem Mittwochvormittag von sich gab, nichts als die reinste Wahrheit ist.

Natürlich hat er recht, wenn er sagt, daß der sogenannte Sicherheitsrat mit seinem Vetorecht, ein Terrorrat ist. Die fünf Vetomächte USA, Rußland, China, Frankreich und Großbritannien sind die größten Waffenhersteller und Waffenhändler auf diesem Planeten. Es gibt kaum einen Kindersoldat in Afrika oder Burma, der nicht eine Schußwaffe aus einem dieser Staaten in der Hand hält.

Das Vetorecht erlaubt diesen Ländern binnen eines Augenblicks sämtliche Resolutionen abzuschmettern, die ihrer umsatzorientierten Agenda schaden könnten. Wenn man sehen möchte, wie Menschenrechte nicht nur mit den Füßen getreten werden, sondern wie auf sie anschließend mit verhöhnendem Grinsen draufgepisst wird, muß man sich nur mit der Geschichte der UNO befassen.

Die Deutschen versuchen seit Jahren emsig in den ständigen Sicherheitsrat beizutreten. Sie betonen, daß die Greuel des Zweiten Weltkriegs nun lange zurückliegen und die Bundesrepublik schließlich eine führende Wirtschaftsmacht sei, mit einem starken demokratischen und menschenrechtlichen Portfolio.

Tatsächlich hat Deutschland in den letzten Jahren als Waffenhändler und Hersteller von Atomwaffenkomponenten derartig rasant die Marktführer aufgeholt, daß man von dieser Warte aus verstehen muß, weshalb die Deutschen auf ihr Recht pochen, bei diesem massenmörderischen Eliteclub dazuzugehören.

Die UNO ist eine der dreistesten Lügen und Heucheleien, die auf dem diesem Planeten aufrechterhalten werden. Ein Possenspiel, das nur deswegen funktioniert, da ein Großteil der Weltbevölkerung den dortigen Sitzungen und Beschlüssen keine Aufmerksamkeit schenkt und noch immer rein national denkt. Bei näherer Betrachtung fällt auch den Langsamsten der obskure Charakter dieser angeblich friedensorientierten Welt-Institution auf.

Wenn man nun im Geiste von al-Gaddafi die relativ kurze UN-Charta nimmt und durchliest, stellt man natürlich schnell fest, daß es uns als Menschheit besser dastehen ließe, die UNO sofort aufzulösen.

Es gibt keinen Zweifel an dem soziopathischen Charakter eines schimpfenden Würdenträgers wie Gaddafi. Doch die finale Frage, die interessanter ist, als Stellung zu beziehen für und wider Muammar al-Gaddafi lautet: was sagt es über uns aus, wenn es nur noch die Scheusale und Tyrannen auf dieser Welt sind, die sich wenigstens halbwegs um die Wahrheit bemühen?

Samstag, 6. Juni 2009

Immer Ärger mit den Interventionen

Mit den Einmischungen in die Belange eines anderen Landes, Staates oder einer anderen Kulturgemeinschaft gibt es stets Ärger. Denn eine solche Einmischung polarisiert nicht nur alle Beteiligten, sondern auch alle "Dritten" die sich verpflichtet fühlen, dazu ihren Standpunkt zu erläutern. Es ist beinahe schon ein traditioneller Zusammenstoß von zwei Positionen, die miteinander nichts zu tun haben und doch auf beiden Seiten der Einmischung anwendbar sind: die eingreifende Partei beruft sich auf ein höheres (zumeist moralisches oder ethisches Ziel), das ihr erlaubt oder sie gar dazu verpflichtet, diese aggressive Maßnahme zu ergreifen, während die betroffene Seite sich darauf beruft, daß Grenzen und Kulturgrenzen unantastbar sind und ein Problem, ungeachtet dessen, wie brisant es sein mag, nur intern gelöst werden kann, ohne die Einmischung der Aggressoren. Es sind zwei Blickwinkel, die sich heute im Konflikt befinden. Der eine ist global und länderübergreifend und der andere ist national, respektive territorial.

Nun, beinahe alle sind wir froh, daß die Allierten (und in diesem Fall heißt das in erster Linie die USA) vor fast 70 Jahren die Initiative ergriffen haben, die Achse Berlin-Rom-Tokyo zu zerbrechen. Ungeachtet dessen, daß Ereignisse auf einer so großen historischen Skala stets getrübt sind mit Widersprüchen und Ungereimtheiten, die an der polierten Rüstung des in die Schlacht einreitenden Retters Kratzer hinterlassen, verdankt Deutschland seinen heutigen Wohlstand und sein Reichtum an Möglichkeiten den USA. Durch den Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg bestand eine realistische Chance, die Welt von Adolf Hitler zu befreien und Europa einen Neuanfang zu schenken. Es ist auch gerade der amerikanischen Initiative zu verdanken, daß Deutschland nach 1945 nicht zu einem Jahrhundert auf der Strafbank verdammt wurde, als ein überwachter Agrarstaat ohne Zugang zur Technologie und Weltwirtschaft. Und Vorschläge dieser Natur gab es, denn das Entsetzen über die Ereignisse der vorangegangenen zwölf Jahre muß immens gewesen sein, fern von allem, das meine Generation sich vorstellen kann.

Es gibt heute zwei andere Länder, die Gegenstand oder Opfer von Interventionen sind, die erneut von ähnlichen Allianzen durchgeführt wurden und erneut mit den USA als der tonangebenden Macht: Afghanistan und Irak. Beide Schauplätze beschäftigen uns alle, denn plötzlich heißt es, daß deutsche Soldaten den "Frieden am Hindukusch verteidigen" und von den Kritikern wird das als eine pitoreske Anspielung verwendet, um die Befremdlichkeit des Ganzen hervorzuheben. Der überwiegende Teil meines Bekannten- oder Freundeskreises hält die Invasion von Afghanistan und Irak für unrecht und wundert sich manchmal, wenn ich hierbei um eine differenzierte Haltung bemüht bin.

Vorweg gesagt: Afghanistan hat mich bereits beschäftigt, als es noch nicht salonfähig war. Ende der 90er leitete ich eMails an meine Freunde weiter, in den über die unbeschreiblichen Exzesse der Taliban in Afghanistan berichtet wurde. Es gab aufwühlende Photostrecken in Zeitschriften, erstellt von erfahrenen Photographen, die noch im Stande waren, sich durch das Land zu bewegen. Es bestand kein Zweifel, daß für die Taliban der Feind Nr. 1 weder die USA, noch die Christen waren - sondern die Frau. Frauen wurden Finger abgehackt, wenn man sie auf der Straße mit Nagellack aufgriff und auf Vergehen, die über diese Mißetat hinausgingen, warteten Strafen, die deutlich drakonischer waren. Öffentliche Steinigungen und Hinrichtungen, gewohnt hinter der Scharia kaschiert, waren an der Tagesordnung. Ich war damals absolut von der Idee überzeugt, daß dieser Regime verschwinden muß. Keine "kulturellen und staatlichen Grenzen" oder ähnlich geartetes Gewäsch schien mir hier relevant zu sein - und tut es bis heute nicht. Es ist mir gleichgültig, ob ein Vorgehen "der Tradition" entspricht, wenn ich es widerwärtig finde. Die Idee von "Grenze" und "innernationale Angelegenheit" wurde doch gerade deshalb erfunden, um hinter verschlossenen Türen ungestört Scheußlichkeiten zu begehen.

Ich ließ keine Gelegenheit aus, die Taliban mit dem Dritten Reich zu vergleichen, was zumindest im Bezug auf Bildung und Intelligenz der Mullah-Funktionäre gegenüber den Nazi-Bonzen ein gültiger Vergleich war. Ich bekam auch einige eMails zurück - einige mit der Anmerkung: Ales, kannst du dir nicht auch mal ein Hobby suchen, das weniger blutrünstig ist?

Und dann kam der 11. September. Und plötzlich wollte jeder über die Taliban sprechen. Relativ schnell wurde klar, daß die USA unbendingt ein Land brauchen, an dem sie Recht und Vergeltung demonstrieren können. Die meisten der Terroristen des 11. Septembers waren zwar Saudis, aber so viel Sarksmus muß sein: vom ersten Tag an war doch klar, daß die Amerikaner nicht in Riad einfallen werden. Die Taliban aber bewirteten Osama bin Laden - "Afghanistan it is then..."

Ich gebe zu, ich sah eine Chance, daß die Taliban verschwinden würden. So sehr die eigentlichen Motive für die (auch deutsche) Intervention anders waren, als ich es mir gewünscht hätte, schien es zum selben Ziel zu führen.

Natürlich ist der Angriff auf Afghanistan problematisch. Ich hätte mir gewünscht, die Intervention wäre bereits in 1998 erfolgt, international durch das Ziel motiviert, tausende von Frauen zu befreien, die von einem psychopathischen Regime in Sklaverei gehalten wurden. Aber die Zeit, als Männer wegen Frauen in den Krieg zogen, ist seit Jahrtausenden vorbei und reflektiert einen Mann-Begriff, den ich auf die heutigen "Gestalter", "Entscheider" und "Realpolitiker" in ihren teuren Anzügen nur ungern gelten lassen würde.

Läßt man also diese romantische Empfindung beiseite, bleibt nichts anderes übrig, als auf ein Vergehen zu warten, das in den Augen der Weltöffentlichkeit schwerer wiegt, als das systematische Mißhandeln und Töten von abertausenden von Frauen: in diesem Fall war es die Beherbergung der al-Qaida.

Leute denken, ich sei gegen Interventionen, doch das ist falsch. Ich denke, man kann Interventionen nicht grundsätzlich ablehnen. Pazifisten tun es und viele Menschen in meiner Umgebung sind der Meinung, die Deutschen sollten ihre Truppen abziehen. Diese Meinung wird mehr gehört, als ihre Urheber sich selbst zutrauen, was dazu führt, daß die Bundespolitik und das Regierungskabinett sehr unentschlossen sind und hierbei stets den kollektiven Volkszorn vor Augen haben. Diese lauwarme Vorgehensweise zeigt heute ihren Effekt: die Taliban kehren aus ihren Verstecken im Norden Pakistans zurück und rücken weiter gegen den Westen vor. Die eher moderaten Kontingente an internationallen Streitkräften wären dann ebenso ernsthaft in Gefahr.

Falls in wenigen Jahren in Kabul wieder eine Taliban-Regierung sitzen sollte, mit Mullah Omar oder einer anderen, gänzlich austauschbaren, Figur an der Spitze - war alles umsonst.

Wenn heute Barak Obama deutlich macht, daß die westlichen Truppen aus Irak abziehen und Afghanistan eine größere Aufmerksamkeit widmen sollten, hat er vollkommen recht. Jede Intervention muß eigens bewertet werden, anstelle sie alle in die selbe thematische Schublade zu stecken. Die Invasion von Irak war eine betrügerische Expedition der USA, monetär motiviert und aufgebaut auf durchsichtigen Lügen, die heute nicht einmal mehr die Lügner bestreiten. Tage vor dem Einmarsch im März 2003 haben westliche Filmemacher Menschen in Bagdad gefilmt, vor ihren Läden sitzend und auf Gemüse- und Obstmärkten diskutierend - und alle schienen das selbe zu sagen: kommt uns bitte nicht befreien, denn es gibt nichts zu befreien. Ja, wir haben hier einen Diktator, aber das ist doch kein Grund, unsere Lebensweise zu zerstören.

Man muß sich nur heute die unhaltbare Situation ansehen, die die USA im Irak angerichtet haben. Die Region ist destabilisiert und der Haß auf den Westen ist größer, denn je zuvor.

Doch genauso, wie die Lügner im Weißen Haus (allen voran Donald Rumsfeld, Dick Cheney und ihr Posterboy G.W. Bush) es nicht geschafft haben, eine kausale Achse zwischen Afghanistan und Irak herzustellen, sollten wir, die Kritiker dieser Lügner, nicht ihr Werk fortsetzen und eine derartige Achse selbst postulieren.

Afghanistan und Irak haben nur wenig miteinander zu tun.

Samstag, 23. Mai 2009

Der verbotssüchtige Planet

Locartes an Bellarmin. Ich habe jetzt so ein neumodisches Mobiltelefon mit vielen Tasten und breitem Display. Ich kann damit Nachrichten downloaden und eMails schreiben. Woran liegt es, daß die großen Science-Fiction-Autoren der Goldenen Ära in den Vierziegern, Fünfzigern und Sechzigern alles nur Erdenkliche in die Zukunft projiziert haben, doch kaum einer von ihnen sah Handys, Palmpilots und Notebooks voraus? Wie auch immer - jetzt lese ich um die Bemühungen der Bundesregierung, um ein Verbot von Paintball. Das ist doch ein Thema, das dich sicherlich interessiert. Mit einer gewissen Selbstsicherheit wage ich es zu prognostizieren, daß du diesem Verbot mißtrauisch entgegenblickst.


Locartes! Vorweg: ich denke die Science-Fiction-Schrifsteller hatten die Handys aus verschiedenen Gründen nicht vorausgesehen. Erstens waren die meisten von ihnen Optimisten, die gerade den Zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht haben und der Zukunft hoffnungsvoll und technologiebegeistert entgegenblickten. In so einer Stimmung phantasiert man nur nützliche futuristische Objekte und nicht ein werbeverseuchtes Stück Plastik, von dem du belanglose 140 Zeichen lange Textnachrichten darüber absenden kannst, in welchem Regal eines Supermarkts du gerade stehst. Ein SciFi-Autor ist meistens bemüht, der Zukunft eine Art von historischer Bedeutung zu verleihen. Die darin vorkommenden Objekte sind wichtig und demonstrieren Effizienz. Niemand hatte damals von diesen Autoren erwartet, daß sie sich belanglose, infantile Spielzeuge ausdenken. Wie tragisch, daß sie gerade damit den Zeitgeist der Zukunft perfekt getroffen hätten.

In diesem Zeitgeist schwebt sicherlich auch Paintball. Aber obwohl selbst kaum interessiert, sehe ich darin doch archaische Züge, die aus einer Gesellschaft zu tilgen, vermutlich einer Kastration gleichkäme. Ich behaupte, es gab schon immer Paintball - in anderen Permutationen und in anderen Zeitaltern. Antike, Mittelalter. Und oft gab es - im Gegenteil zu heute - keine Helmpflicht.

Falls ich da richtig unterrichtet bin, wurde das Verbot von der regierenden Parteikoalition angestrebt, nicht explizit von der Regierung - was für einen Unterschied das auch machen mag. Das Verbot wird ja inzwischen als gescheitert eingestuft. Es kam nach dem Amoklauf von Winnenden auf die Tagesordnung - ein bereits vertrauter Mechanismus ist. Nach jeder schrecklichen Tat solchen Ausmaßes suchen alle nach Antworten und Begründungen - und der erste Ort zu suchen, ist stets die Biographie des Täters.

Daß derartige Untersuchungen verstörte Charaktere und psychotische Verhaltensmuster offenlegen, ist unbestritten. Aber das Verbieten von irgendwelchen Subkulturen ist hierbei deshalb der falsche Weg, weil Verbote meistens nur die Nachfrage anheizen. Man würde ja meinen, daß studierte Beamte (aka Politiker) das nach Jahrzehnten und Jahrhunderten Erfahrung langsam wissen sollten.

Ich bin nicht generell gegen Verbote, so wie ich nicht gegen Interventionen bin. Und ein Verbot ist in erster Linie eine Intervention.

Schließlich bin ich ja dafür, daß zum Beispiel Kinderpornographie verboten ist und ich habe durchaus den Glauben, daß dank der Gesetzeslage die Situation hierzulande besser ist, als sie es ohne die entsprenden Gesetze wäre.

Beim Verbot von Paintball glaube ich allerdings nicht an einen positiven Erfolg. Nur einige Kilometer hinter der Grenze zu Tschechien gibt es riesige Paintball- und Gotcha-Anlagen. In einigen kann man auch mal in einer Waffen-SS-Uniform herumtollen. Durch Verbote treibt man diesen Betreibern eine radikalisierbare Kundschaft in die Arme.

Und zuallerletzt: wie schrecklich die Tat auch ist, sie ist in nichts zu vergleichen mit all den Todesopfern, die jährlich auf den Straßen und Autobahnen in PKWs ihr Leben lassen. Wann verbieten wir also endlich Autos?

Hier lautet das Gegenargument: es sei kein gültiger Vergleich, da wir Autos brauchen. Doch ich glaube eher, die meisten brauchen Autos nicht, sie nehmen nur die damit verbundene Bequemlichkeit in Anspruch. Deshalb reden wir uns die Massaker auf den Autobahnen schön und verschließen vor ihnen die Augen.

Doch was ist deine Ansicht zu diesen Dingen? Ich hoffe, sie ist erwartungsgemäß radikaler, als die meinige.


Locartes an Bellarmin. Ich empfinde, daß ein Verbot stets eine Einschränkung der Freiheit ist. Das kann man durchaus in Kauf nehmen - doch erwarte ich, daß mit dem Verbot der Verbietende eine halbwegs glaubwürdige Garantie übernimmt, daß die Vorgänge, deren Ursachen da nun verboten werden sollen, auch wirklich ausbleiben (siehe auch dein Beispiel mit der Kinderpornographie).

Doch kein Politiker würde dieses Abkommen direkt mit dem Volk treffen. Denn sie alle wissen, daß sie nach einem Verbot das Ausbleiben einer Folgetat nicht garantieren können. Sogar sie wissen, daß es da keinen echten Zusammenhang gibt.

Schließlich ist es eine alte Tradition vieler Politiker und Staatsmänner, die selbst kein brauchbares und originelles Konzept auf der Agenda haben, einfach etwas subkulturelles zu finden, dessen Verbot sie dann anstreben.

Oder glaubt jemand, Cannabis wurde deshalb verboten, weil die Straße, Krankenhäuser und öffentliche Toiletten sich plötzlich mit toten Kiffern überhäuften?

Mit anderen Worten: laßt uns Paintball verbieten. Doch ist damit die Gefahr des Amoklaufs gebannt? Was verbieten wir nach dem nächsten Amoklauf? Pornos und Egoshooter hatte man bereits letztes Jahr versucht anzupacken. Und dann? Tarantino? Und dann? Aleister Crowley und die Esoterik?

Verbotswellen sind stets ein Ausdruck für die Infantilisierung einer Gesellschaft. Da wir das Gefühl haben, daß es uns nicht gelingt, einem kleinen Kind alle Konsequenzen einer Handlung verständlich zu machen, sprechen wir ihm gegenüber radikale und imperative Verbote aus. Sehr oft in dem Geist eines späteren Verständnisses. Es ist eine typische Formulierung: "Eines Tages wirst du es verstehen und mir danken."

Mit der Politik und der Gesetzesgebung ist es ein wenig anders. Hier werden Verbote verabschiedet in der unausgesprochenen Formulierung: "Bald werdet ihr eh vergessen haben, warum wir es eigentlich verboten haben." Dann kann man das nächste kontroverse Ding auf die Tagesordnung setzen und dessen Verbot beschließen.

Mittwoch, 18. Februar 2009

Dem Obskuren das Bittere entgegenhalten

Gleich zwei Nachrichten aus Indien landeten heute auf meinem unordentlichen, mit Büchern, Zeitungen, Chinch-Kabeln, CDs und McDonald's-GiveAways bedeckten Tisch. Zum einen wird der Bollywood-Mega-Hyper-Star Shah Rukh Khan an der Schulter operiert, was auf dem Subkontinent en masse zu gemeinsamen Gebetsstunden führen dürfte und in unseren Breiten zumindest zu zittertenden Händen und scharenhafter Unkonzentriertheit bei der weiblichen Bevölkerung.

Die andere Nachricht betraf ein anderthalbjähriges Kind im indischen Bundesstaat Orissa, das wegen einem spirituellen Omen mit einer Hündin verheiratet wurde. Für die meisten eine etwas unwirkliche und befremdliche Vorstellung. Aber an dieser Stelle kann sich der heimliche Comedian in mir den Gedanken nicht verkneifen, daß das doch eine wunderbare Sache ist, zumindest eine solche Gewißheit bei der Wahl des Lebenspartners zu haben. Die meisten brauchen ganze Jahre oder gar Jahrzehnte Ehe, um herauszufinden, daß die Gattin eine Hündin ist. Und andere wiederum wünschten sich so sehr, daß ihre Frau doch zumindest ein wenig mehr eine Hündin wäre. Anstelle sich ständig zu verweigern lokale Swingerclubs aufzusuchen.

Dabei sind es gerade die Inder, die uns an dieser Stelle versichern würden, daß wir stets nur solche Partner bekommen, die wir auch verdienen.

Locartes an Bellarmin. Der Zynismus und misanthropische Sarkasmus ist meine Aufgabe. Ich bitte dich. Achte an deinen guten Ruf. Aber ich verstehe deine Worte. I feel you man. Wir bekommen nie, was für wollen. Die Kunst besteht möglicherweise darin, nichts zu erwarten. Doch wenn wir alle das täten, wären wir dann nicht Buddhisten? Und wäre die Erde dann nicht ein fader Ort voller meditierender Langweiler?

Samstag, 27. Dezember 2008

Die Stevia-Connection

Locartes an Bellarmin. Schreibe doch etwas über Stevia. Da drückt mir jemand unlängst einen Zuckerspender in der Hand, auf dem steht, es sei ein kosmetisches Mittel. Mit gerunzelter Stirn ließ ich eins davon in meinen Kaffee fallen. Doch irgendwie kommt mir das alles bekannt vor. Irgendwo am anderen Ende der Welt wächst seit Jahrmillionen eine Pflanze, die etwas besser kann als andere. Also müssen wir sie unbedingt verbieten. Verbieten, mein Freund! Wir müssen alles verbieten! Alles! Nun, Ischtar zum Gruße!

Locartes. Hier beschreibe ich das Ergebnis meiner eigenen Nachforschungen. Es gibt wahrhaftig wieder eine Pflanze, die um ihre Freiheit kämpft, da der Homo oekonomicus cretenicus seine eigene perverse Agenda hat.

Die in Paraguay heimische Pflanze nennt sich Stevia (Stevia rebaudiana), sieht harmlos aus, verbirgt jedoch wirtschaftliches Dynamit in ihren Blättern. Sie produziert nämlich Zucker, reskeptive einen Süßstoff, der bis zu 300mal konzentrierter ist, als Zucker, jedoch kaum Kalorien besitzt.



Entgangen ist es wohl niemandem: Zucker ist wieder in aller Munde. In zweifacher Hinsicht. TV-Talkshows widmen sich der kollektiven Übergewichtigkeit und Ernährungsexperten demonstrieren vor laufender Kamera, wieviele Dutzend Zuckerwürfel am Tag kleine Kinder heute zu sich nehmen - in Form von lustigen Joghurts und Puddings und anderen Alltagsleckereien, die einen von den grellen Regalen der Supermärkte anlachen. Nicht einmal Obst ist mehr sicher. Wer meint vor den überschüssigen Kohlehydraten und Kalorien durch den Umstieg auf Weintrauben und Bananen auszuweichen, findet sich in einem Zuckersumpf wieder.

Die eingangs formulierte Behauptung, Stevia sei verboten, ist natürlich falsch und ausschließlich dem Zwecke der Dramatisierung aufgestellt. Doch ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt die Verbreitung von Stevia als Süßungsprodukt in der EU tatsächlich nicht erlaubt.

Dennoch gibt es den Süßstoff immer wieder mal in Haushalten zu finden. Er wird weitgehend unter der Hand weitergegeben und auf den entsprechenden Verpackungen ist die Rede von kosmetischen Produkten und Lebensmittelzusätzen. Auf der Zunge fühlt es sich süßer an, als ein Kunstwerk von Jeff Koons, aber bei uns in Schilda darf es weder Zucker noch süß genannt werden.

Das ist natürlich auch der richtige Zeitpunkt, um sich in dem guten alten 1x1 zu üben. Wer könnte eigentlich etwas dagegen haben, daß Stevia als alternatives Süßungsmittel auf den Markt kommt? Lassen Sie mich überlegen, hmmm...

Vielleicht die Zuckerindustrie und damit der Hersteller eines jeden Produkts, das auf kontroverse Kohlehydratmengen setzt?

Eigentlich dürften wir gerade jenen Moment erleben, an dem die konventionellen Zuckermagnate a la Südzucker und die ewige Saccharin-Konkurenz wie Natreen zum ersten mal am selben Strang ziehen. Sie alle wollen ganz sicher keine Wunderpflanze aus Südamerika. Ähnlich wie die Forstindustrie weltweit die Papiergewinnung aus Hanf wie der Teufel das Weihwasser scheut.

Stevia schmeckt nicht wie Zucker und sie schmeckt auch nicht wie Saccharin. Wie stets wird es mehr als genug Menschen geben, die diese Geschmacksvariante der Süße nicht schätzen werden, so wie manche den typischen saccharin- und thaumatinbasierten Süßstoffen nichts abgewinnen.

Fairerweise gilt es natürlich die Frage zu stellen, ob nun Stevia rebaudiana nicht über gesundheitlich bedenkliche Nebeneffekte verfügt und gerade deshalb nicht zugelassen ist.

Dazu nur so viel: wäre der Süßstoff aus Stevia explizit giftig, stünde das Produkt schon längst auf entsprechenden Listen. Dazu wird es vermutlich nicht kommen, da Stevia längst in Ländern wie China oder Israel angebaut und gewonnen wird. In den Staaten Lateinamerikas bereits in Jahrhunderte alter Tradition.

Es gibt Studien, die Stevia nicht für unbedenklich halten. Allen voran eine Studie von... Monsanto. Da zuckt natürlich mein Mundwinkel, denn aus den Labors eine ökonomischen Monstrosität wie Monsanto würde es mir schwerfallen der Mitteilung, daß der Himmel blau sei, Glauben zu schenken. Monsanto hat schließlich sein eigenes Cookie auf dem Markt, den synthetischen und von allen Seiten ge-trademarkten Süßstoff Aspartam.

Die Zukunft von Stevia in Europa ungewiß. Eine ausreichende Untersuchung der Pflanze ist notwendig. Sie sollte aber strengen wissenschaftlichen Zielen folgen und nicht von der Agenda entsprechender Pressure-Groups und Lobbyisten beeinflusst werden.

Und sollten wir am Ende zu brauchbaren Ergebnissen kommen, bestünde die entsprechende Lehre darin, die bereits marktetablierten Süßstoffe einer ebenso strengen Betrachtung zu unterziehen. Traditionell findet man die meisten Ungereimtheiten dort, wo sich die Fingerzeiger und Marktschreier am lautesten sind.

Die Moral der Geschichte ist sicherlich nicht, daß wir uns nun blind auf Stevia stürzen sollten, sondern jenes Mißtrauen, das in einer rein turboökonomisch konstruierten Welt zum Alltagston dazugehört. Wenn Studien und Unbedenklichkeitsbescheinigungen aus Häusern stammen, die mit selbigen oder konkurrierenden Präparaten ihr Geld machen, ist es reichlich schwer, auch nur ein Wort des Gesagten zu glauben. Und das gilt für alles.

Quellen:
- Stevia@Wikipedia
- "Das große Süßen" (DIE ZEIT Nr. 47, 13. November 2008, Seite 25
- EUSTAS
- Scientific Committee on Food (SCF)

Freitag, 8. August 2008

Die Demokratie und ihre Zuhälter.

Locartes an Bellarmin. Der Siegeszug der Demokratie wird heute nicht beginnen. Denn die Demokratie trägt ihren gewohnten Halsband und ein glitzerndes Paillettenkleid ohne Unterwäsche. Ihr Gesicht ist verheult, die Knie aufgeschlagen und die Schminke verschmiert. Sie wird schluchzend durch die Metropolen dieser Welt getrieben, um Freier mit den größten Brieftasche zu finden. In dunklen Gassen kannst du sie manchmal auf ihren brennenden Knien sehen, bei unzüchtigen Handlungen mit alten Männern in Anzügen.

Daran wird auch die Eröffnung der Olympischen Spiele in Beijing, die in diesen Minuten stattfindet, nichts ändern. Eine Million Zeitungsartikel später. Eintausend Bezichtigungen des Dalai Lama, ein Separatist zu sein, später. Einhundert Hinrichtungen später. Nach einem aberwitzigen Fackellauf mit dem Olympischen Feuer, begleitet von einer Schar Bodyguards in sauberen Trainingsanzügen. Und nach dem ganze Viertel in Peking vor dem zornigen und feuchten Blick ihrer Anwohner eingerissen, zerstört und dem Boden gleichgemacht wurden. Um dort olympische Scheußlichkeiten hinzubetonieren. Um bereit zu sein für den ersehnten Medienrummel, der endlich das schiefe Bild Chinas in der Welt geradebiegen soll. Den frischen Wind in ein Jahrhundert schlechten architektonischen Geschmacks made in China bringt nun die Avantgarde, oder zumindest eine naive Interpretation davon. Zwanghaft modern und doch irgendwie kitschig, wie eine Mischung aus Spiderman-Comics und Käpt’n Iglo.

Wird es mehr Demokratie geben, mehr Freiheit, mehr Transparenz geben, wenn die Sportler und die Journalisten wieder abgezogen sind?

Als die Olympischen Spiele 1936 nach Berlin gingen, mag es solche Hoffnungen auch gegeben haben. Gerechterweise muß man sagen, daß das IOC bereits 1930 (also 3 Jahre vor dem Sieg der NSDAP) die Kandidatur Deutschlands annahm und ein Jahr später - mehr durch einen Mangel an Gegenkandidaten, als aus Begeisterung - dem Austragungsort Berlin zustimmte. Hätten sie nur geahnt, was sie da tun. Denn fünf Jahre erstarrte beim Blick auf Berlin jedes Lächeln. Und die Nazis versäumten in der Tat keine Gelegenheit, um die Spiele als Podium für ihre Größe und Selbstherrlichkeit zu benutzen. Mit dem für das Dritte Reich so typischen Rückgrat ließen die Bonzen antisemitische Parolen aus der Stadt entfernen und auch die Pogrome wurden eingestellt. Für die Dauer der Spiele. Wie in einem teuflischen Zeichentrickfilm wurden nach der Verabschiedung der letzten Medienleute, die Schlagstöcke wieder hervorgeholt und das Inferno nahm seinen gewohnten Lauf. Übrig bleib ein epischer Riefenstahl-Film, für den die talentierte und doch so naive Leni auch noch eine Promo-Tour durch die USA machte.

Die Olympischen Spiele 1936 brachten keine Demokratie, keine Freiheit und keine Transparenz nach Deutschland. Die kam erst einen Krieg später, mit der vollständigen Entmachtung und einer zeitweiligen Militärherrschaft der Alliierten.

Die Zukunft wird weisen, zu was die obsessive Kindlichkeit des IOC, die Spiele neuerdings in kontroverse Lände und geplagte Landstriche zu platzieren, letztendlich führt.

26 Milliarden hat die Bau- und Organisationsorgie der Chinesen gekostet. Im Augenblick werden mit Kanonen Silberjodid-Salven in die verdreckten Smogwolken über der Stadt geschossen, um den Himmel während der Eröffnung schöner zu machen. Über das grundsätzliche Verhältnis der Gastgeber zur Wahrheit und Wirklichkeit ist damit sicherlich alles gesagt.

Es ist doch nur Sport.

Montag, 28. Juli 2008

Die schneeweiße Travestie

Nein, die Überschrift deutet nicht eine weitere Tirade gegen die Ehe - so sehr man es von mir erwarten mag. Es geht um etwas ähnliches: um die Vermarktung von ZOOs. Und ein ZOO zu finanzieren ist schwierig. In den Leitung dieser Unternehmen sitzen klevere Leute, die alle Register der Marketingkunst ziehen müssen, um die Zukunft der kleinen Pelztierchen und ihrer Betreuer zu sichern. Und so exzentrisch, wie in der Komödie "Fierce Creatures" sind die Werbestrategien zum Glück noch lange nicht.

Die gegenwärtige Eisbär-Modewelle ist dennoch ein wenig befremdlich. Sie erinnert an Kinder-Hollywoodstars, deren Karriere dann mit dem ersten Strimmbruch und den allessagenden Pickeln schlagartig vorüber ist. Gesegnet sei heute ein Zoo, das einen jungen Eisbären hat. Bis zu dem Augenblick, an dem das Kuscheln mit dem Wärter (ich meine natürlich Betreuer) zum sicheren Tod des Letzteren führen würde, ist die mediale Aufmerksamkeit sicher. Und damit auch die Eintrittskarten.

Es ist interessant und kaum zufällig, daß der Eisbär-Trend einher geht mit den Meldungen über das inzwischen unvermeidliche Aussterben des Polarbären. Der Grund für deren Ausrottung ist das polare Tauwetter, das den Bären wörtlich den Boden unter den Füßen wegschmelzen läßt. In der Eis- und Schneewüste war er ungeschlagen ganz oben in der Nahrungskette. Das Schrumpfen der Arktis, die fast nur aus Eis besteht, stellt den weißen Riesen vor große Probleme.

Der Eisbär-Trend erinnert ein wenig an Harry Potter. Das befremdliche an Harry Potter war ja nicht, daß Millionen Kinder weltweit über die ehrenwerten Abenteuer eines jugendlichen Zauberers und seiner Freunde lesen wollten. Beunruhigend war viel mehr, daß plötzlich anzugtragende Managertypen in ICEs saßen und in den dicken Schwarten versunken waren. Also Menschen, die gewissermaßen unterwegs sind, um den Fortbestand unserer Zivilisation zu sichern. Zugegeben, vermutlich möchte man nicht von Leuten gerettet werden, die auf den schäbigen abgewetzten Sofas in Starbucks vor einem Vayo-Notebook sitzen und dabei ein Bluetooth am Ohr hängen haben. Ah. Ich lenke schon wieder ab.

Auf jeden Fall hoffe ich, daß all die Eltern, die ihre Kleinen mitnehmen, um Knut und Flocke zu sehen, ihnen auch erzählen, daß der Eisbär das gefährlichste Tier der Welt ist. Daß er problemlos einen menschlichen Arm wegreißen und 60 kg schwere Robben durch die Luft wirbeln kann. Daß nach seinem Gelage die Eisschollen im Umkreis von zwanzig Meter getränkt sind in Blut. Daß er doppelt so schnell wie ein Mensch rennen kann und bei Hunger keine Hemmung empfindet, den Menschen anzugreifen.

Die Infantilität unserer abendländischen Gesellschaft ist keine Behauptung miesgelaunter Altkonservativer. Die ganze Welt wurde in einziges Flughafenterminal verwandelt, alles ist Werbung, alles ist Slogan. Die geistige Stimulierung neigt sich dabei der Null zu. "Geiz ist geil", "Knut ist gut". Vermeintlich erwachsene Menschen werden hierbei mit Botschaften konfrontiert, die sich für Dreijährige eignen würden, wären sie nur nicht so verwerflich. Geiz ist nicht geil, sondern eine furchtbare Charakterschwäche. Und Knut ist auch nicht gut, sondern ein Ursus maritimus, der vom Jahr zu Jahr immer trauriger auf die Absperrungen blicken wird, da er in seinem Leben keine einzige Seekuh zu sehen bekommt, um ihr mit einem Schlag seiner Pranke die Gurgel herauszureißen.

Meine Kritik mag übertrieben klingen. Doch inzwischen ist auch schon die Stadtsparkasse eingestiegen und Flocke ist zu einem Sympathieträger eines Sparprodukts geworden. "Lassen Sie Ihr Geld zusammen mit dem Eisbären wachsen", heißt es da. Wer den entsprechden Vertrag abschließt, wird zum Futterpaten des Bären und bekommt ein Kuscheltier. In Eisbärgestalt selbstverständlich. Dafür gibt es dann 3 bis 4% in den nächsten drei Jahren. Mit anderen Worten: Flocke wird sicherlich wachsen. Das angelegte Geld wird höchsten ein wenig anschwellen. So gesehen 1:0 für Flocke.

Ich wettere nicht gegen Teddy-Bären. Im Kindesalter eignet sich der mollige, pelzige Riese hervorragend als bester Freund. Doch das Stilisieren von eingesperrten Eisbären zu globalen Medienereignissen ergibt ein schiefes seltsames Bild. Zuerst devastieren wir die Natur an allen Ecken und Enden. Und dann sperren wir die Reste in Käfige und veranstalten um sie herum eine unaufhörliche Travestie. Ecce homo.

Freitag, 27. Juni 2008

Der Homo Cretinus wütet wieder - oder von der Lästigkeit Eltern spielen zu müssen

Eltern haften für Vergehen der Kinder im Internet. So entschied in einem aktuellen Urteil das Landgericht München und kommentierte es mit der Begründung: "Die elterliche Aufsichtspflicht erfordere auch eine laufende Überwachung dahingehend, ob sich die Internetnutzung durch das Kind in dem durch die einweisende Belehrung gesteckten Rahmen bewegt."

Der vorliegende Fall betraf ein 16jähriges Mädchen, das einige Dutzend urheberrechtlich geschützte Photos zusammenstellte und sie auf zwei Webseiten präsentierte. Die Urheberin klagte anschließend gegen die Familie.

Nun, ich kann mir schon vorstellen, wie das ablief. Die Urheberin schrieb an das kleine Görchen vermutlich einige mahnende eMails und die wird sicherlich im Gegenzug die gesamte Summe dessen, was heutzutage unter der Schädeldecke einer typischen 16jährigen stattfindet, zur Antwort gebracht haben: "Hey, du, kein Bock. Kannst mich mal." Oder etwas adäquat lyrisches.

Wer sich sofort zu Wort meldete, war der bayerische Elternverband. Unmut und Unverständnis über ein derartiges Urteil wurde geäußert. Es heißt, eine derart geforderte Überwachung der Kinder kann von den Eltern nicht verlangt werden. Die Verbandssprecherin Ursula Walter meinte gar: "Man kann die Kinder ja nicht festbinden und die Kiste aus dem Fenster schmeißen."

Wenn eine derartige "Überwachung" von den Eltern nicht gefordert werden kann, bleibt die Frage, was eigentlich sonst noch heute von den Eltern gefordert werden kann und wozu sie zunutze sind? Ein Kind in die Welt zu bringen ist kein Verdienst. Sogar die dümmste Frau auf dieser Welt schafft es, die Knie auseinander zu drücken. Von der banalen Beteiligung des Mannes gar nicht zu sprechen. Alles, das danach kommt, nährt das Urteil über die Qualität der Eltern.

In einer Zeit, in der die biologische Vermehrung von der politischen Kanzel gepredigt wird, zugekleistert mit pseudo-christlichen Wertedebatten, und das alles damit die Rente sicher wird (was ist dann eigentlich mit der übernächsten Generation, ihr Narren?), tritt die Befähigung und Qualifikation für die Rolle als Erziehungsperson in den Hintergrund. Daß Fälle von verwahrlosten, verwilderten, verhungerten und immer öfter in einer Mülltonne entsorgten Kinder mit jedem Monat zunehmen und Zeitungen kontinuierlich zu einem bizarren Panoptikum menschlicher Abgründe werden, scheint da für die meisten auf einem anderen Blatt zu stehen.

Die nackte Wahrheit ist: ein beachtlicher Teil der Leute, die heute Kinder in die Welt zu bringen, ist damit überfordert und weiß mit dieser Lästigkeit nur schwer umzugehen. Diese Menschen sind gar nicht mündig, Eltern zu sein. Sie haben die eigene Infantilität noch gar nicht richtig überwunden. Und der kreischende Balg vermiest einem auch die besten Sendungen - Stefan Raab, Teleshopping, DSDS und GZSZ, oder irgendeine tolle und gänzlich neue "Halt's-Maul-Du-Arschloch"-Show. Es gibt Schimpansen, die würden sich das nicht anschauen. Und es gibt ganz sicher keinen Schimpansen, der das über seinen eigenen Nachwuchs stellen würde.

Und irgendwann ist endlich Stille. Und zwar nicht deswegen, weil wieder mal ein verantwortungsbewußter Familienvater so lange das Kissen gegen das Gesicht des Säuglings drückte, bis es leise wurde und die Glotze endlich wieder störungsfrei gehört werden konnte. Sondern: weil die Schrazen ein Alter erreicht haben, in dem ihnen das Brüllen und Kreischen zu doof wird. Alles was sie nun brauchen, ist eine Game-Konsole, ein Handy und eine DSL-Leitung - am besten verteilt auf Geburtstag, Weihnachten und Konfirmation (gerade die christlichen Feste und Rituale eigenen sich als Einstiegsplattform für Half Life 2 sehr gut). Von nun an ist Ruhe in der Bude - bis zu dem Tag, an dem das Kind auszieht. Die Eltern können dann das tun, was sie am besten können. Nichts.

Der Bruch von Urheberrechten ist ein vergleichsweise harmloses Problem. Sicherlich von juristischer Relevanz, aber von geringer sozialer Tragweite. Daß es heute zehntausende Kids gibt, die mit Bukkake- und Tierpornos herumhantieren und SM-Filmchen sammeln und all das dort gesehene relativ bald zu einer sexuellen Norm stilisieren, wiegt da in meinen Augen deutlich schwerer. Die Unfähigkeit Erotik und Sexualität zu trennen, ist bei einem Kind nicht verwunderlich. Doch wer sollte es ihm denn erklären? Mutti und Daddy im Wohnzimmer sicherlich nicht. Die haben das selbst noch nicht ganz raus. Am Ende bleibt es Rocco und Jana Bach überlassen, die Lektion abzuhalten. Aber hier fängt schon das Problem an. Für die Kids ist irgendein klassischer Hardcore-Schmuddel einfach lahmes Zeug von Vorgestern. Eine reale Vergewaltigung in der Waschküche, gefilmt mit einem Handy. Das ist der richtige Stoff aus dem die Träume sind. Total angesagt.

Am Ende läuft es auf die selben Ausreden hinaus: die Kinder sind uns technisch voraus, wir können da nicht mithalten, wie können wir sie da noch kontrollieren? Für die immer komplizierteren TV-Fernbedienungen, das brandneue Hard-Disc-Recording-Gerät und das eigene Nokia-Handy scheint das Know-How dann allerdings zu reichen.

"O tempora, o mores!" rief Cicero vor dem Römischen Senat aus. Ich verzichte gerne auf den Applaus aus der falschen Ecke. Es geht nicht um eine Rückkehr zum Konservativismus. Zu einer neuen Wertegesellschaft und all dieses Eugen-Biser-Blabla. Ich würde dem Homo Cretinus doch nicht das Anrecht streitig machen, ein konsum- und pornosüchtiger, verhurter Rohling zu werden. Mögen doch die Leute von mir aus in dem Fressen von Sand ihre höchste Erfüllung finden.

Aber...! Aber! Aber man sollte wenigstens den Versuch wagen, das Leben all jener, die meist ungewollt und ganz sicher unfreiwillig in diese Welt traten, für die ersten 16 oder 18 Jahre, frei von all diesem Schund und Dreck zu gestalten. Es zumindest versuchen, würde uns allen besser zu Gesicht stehen. Sie auf das Spielbrett der menschlichen Obszönitäten, Pornographien und Perversionen zu stellen - dafür wird noch Zeit genug sein.

Wie war nochmal das Argument, warum es nicht geht? "Man kann die Kinder ja nicht festbinden und die Kiste aus dem Fenster schmeißen."

Ich verstehe.

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Siehe auch:
http://tinyurl.com/5lgdt8
http://tinyurl.com/5byosn
http://tinyurl.com/5bgba7
http://tinyurl.com/5svk62
http://tinyurl.com/5kx6xt

Sonntag, 27. April 2008

Ich ward ein Twombly - für sieben Minuten

Moderne Kunst leidet oft unter dem Unverständnis des Plebses, der sich wiederholt unfähig erweist, Farbquadraten und wilden, durcheinanderlaufenden Pinselstrichen die nötige Achtung zu zollen. Doch nur weil der Text mit den Worten "Moderne Kunst leidet" beginnt, bedeutet es natürlich nicht, daß die moderne Kunst per se leidet. Sie leidet so gar nicht. Leiden tun nur Künstler, die Jahre in eine Ausbildung investiert haben, in der Absicht, sich so viel klassischer techné wie nur möglich anzueigenen, nur um herauszufinden, daß zwischen Kunstfertigkeit und Erfolg heute keine Kausalität besteht.

Ich sage damit nicht, daß alles, das kunstfertig oder sinnig ist, automatisch zur Erfolglosigkeit verdammt ist. Ich sage lediglich, daß zwischen Talent und Erfolg zumindest in der Welt der Leinwände kein direkter Zusammenhang besteht. Es ist gelinde gesagt ein Glücksspiel.

Da kam mir nun ein Bild von Cy Twombly über den Tisch. Es stammt aus dem Jahr 1971 und erzielte vor wenigen Jahren bei Christie's in New York einen Rekordpreis von 5.4 Millionen Dollar. Der Laie würde es sicherlich als eine lustlose Schmiererei einstufen. Und es ist sicher kein Zufall, daß ich ein Laie bin. Doch es läßt mir keine Ruhe. Ich greife selbst zum Stift und Papier und beschließe es nachzumalen. Oder - wenn Sie so wollen - etwas ähnlich geartetes zu kreiern. Natürlich habe ich für solche Experimente keine Zeit und so nehme ich mir vor, dafür nicht mehr als zehn Minuten zu investieren.


Cy Twombly: Untitled (Rome), 1971
Cy Twombly: Untitled (Rome), 1971

Ales Pickar: 7 Minutes in Rome, 2008 (Variation over a picture by Cy Twombly)
Ales Pickar: 7 Minutes in Rome, 2008 (Variation over a picture by Cy Twombly)



Twomblys Werk trägt den Titel "Untitled (Rome)". Ich konnte mir die programmatische Provokation nicht verkneifen und nannte mein Bild "7 Minutes in Rome". Denn ich hatte die Zeit, die ich mit der Bleistiftzeichnung verbrachte, mit einer Uhr gemessen und dann am oberen Bildrand festgehalten.

Was ging in mir in den sieben Minuten vor und wie ist mein Ergebnis zu bewerten?

Vorweg gesagt: Twomblys Bild ist vielfach besser als meins. Etwas anderes ist auch nicht zu erwarten. Erstens verbrachte der Urheber des ersten Werks ein halbes Jahrhundert mit dem Auftragen derartiger Striche und zweitens hat er sicherlich (oder vielmehr hoffentlich) mehr Zeit explizit in "Untitled (Rome)" investiert, als ich in "7 Minutes in Rome".

Beim Zeichnen meines Beitrags machte ich zuerst die Erfahrung, daß es nicht so einfach und selbstverständlich ist, wie man es sich vorher einbildet. Twombly hat sicher vorab eine felsenfeste Entscheidung bezüglich des Malgeräts getroffen, während ich den erstbesten Bleistift genommen hatte, der herumlag - was sich während des Zeichenvorgangs als ein Fehler erwies. Dann zeigte sich ganz klar, daß Cy Twombly wesentlich besser die eigenen Striche verwischen kann. Ich hatte mir kurzerhand ein Taschentuch geschnappt und hielt es kurz unter den Wasserhahn. Doch der geplante, nebelartige Verwischeffekt war nicht, wie ich ihn mir erhofft habe - ebenfalls ein Ergebnis einer falschen Stiftwahl. Ich trug lieber eine weitere Schicht aus den spiralenförmigen Strichen auf. Nach sieben Minuten galt das Experiment für mich als abgeschlossen.

Ich gebe mich geschlagen. Cy Twomblys Bild ist besser. Aber verfolgen Sie doch meine Gedankengänge noch einige Augenblicke.

Sagen wir doch mal, es sei 10x so gut wie meins. Wenn seins aber bei Christie's 5.400.000 Dollar generierte, sollte es doch angehen, daß "7 Minutes in Rome" zumindest 540.000 Doller erzielt. Sogar wenn man sagen würde "Untitled (Rome)" sei 100x besser als mein Bild, was mich nun aber ein wenig kränkt, könnte ich doch in dieser Milchmädchenrechnung auf immerhin satte 54.000 Dollar spekulieren.

Sie ahnen es schon. So funktioniert es nicht. Wie haben ja eingangs gesagt, daß es keinen Zusammenhang zwischen Talent und Erfolg gibt. Bei Sotheby's und Christie's wird ja nicht Kunst versteigert, sondern an Namen geknüpfte Objekte. Und zumindest an dieser Stelle besteht kein Zweifel: in der Welt der Maler habe ich keinen Namen. Armer Vincent.

Donnerstag, 11. Oktober 2007

Prag - das Geheimnis in der Seitengasse


Prag, von vielen als die Goldene Stadt bezeichnet, zieht jedes Jahr über vierzig Millionen Touristen an, die alle ein kleines Stück des nach Faszination, Geschichte und Geheimnis schmeckenden Kuchens abbeißen wollen. In kürzester Zeit werden sie über Trampelpfade aus Steinpflaster gelotst, von einer Sehenswürdigkeit zur Nächsten - von der Prager Burg auf die Kleine Seite, über die mittelalterliche Karlsbrücke zum den jüdischen Friedhöfen und vom Pulverturm zum Wenzelsplatz. Das ständige Bad in der Menge gibt es dazu kostenlos. Über hunderttausend Besucher werden täglich von der Stadt Franz Kafkas und Gustav Meyrinks verschluckt und wieder ausgespuckt.

Doch wer das wahre Prag kennen lernen möchte, muss den Mut haben, den entscheidenden Schritt zur Seite zu tun, heraus aus dem Menschenstrom. Gerade dann zeigt sich das "Hunderttürmige Prag", wie die Einheimischen es selbst nennen, von seiner stärksten Seite. Denn oft genügen nur wenige Schritte, nur ein unauffälliges Beiseitetreten, unbemerkt schlüpfend durch den Arkadengang oder die Seitengasse hindurch, um die echten Rätsel der Stadt zu entdecken. Und ihre Fülle scheint geradezu unerschöpflich zu sein.

So braucht ein neugieriger Geist, der mit der Menschenmasse in dem berühmten Viertel Kleine Seite ("Malá Strana") angekommen ist, nur einige Dutzend Schritte entlang der Karmelitská Ulice zu gehen, um bei der unscheinbaren Hausnummer 25 den Eingang zu einem der schönsten Barockgärten Europas zu finden. Der Vrtba-Garten ("Vrtbovská zahrada") ist eine originelle und joviale Anlage aus dem Jahr 1720 - erbaut in der Enge der für die Kleine Seite so typischen Hinterhöfe. In einem derartigen Hinterhof streckt sich der inzwischen von der UNESCO geschützte Garten durch ein System aus Treppen bis zu einem der Gebäudedächer hoch, um von dort einen atemraubenden Blick über die Stadt zu gewähren. Hier wo der "Genius loci" zu Hause ist, hört man nichts von den Horden grölender Australier oder Briten. Nur manchmal trägt der Wind ihre Stimmen vom Hofplatz der Prager Burg, die hier über den Dächern der "Malá Strana" zum Greifen nahe erscheint.

Es ist typisch für Prag, dass oft nur ein Sprung genügt, um so tief in dem historischen Stadtzentrum Orte der Stille zu betreten. Dort wo das blecherne Konzert aus Polizeisirenen und Autohupen plötzlich fern und unwirklich klingt, trifft man höchstens auf verträumte Studentinnen vom Karolinum beim Lesen einer Lektüre oder auf nachdenkliche Rentner, die in Reminiszenzen schwelgen. Die Touristen behalten Prag zumeist als eine Stätte des Lärms und der Unruhe in Erinnerung. Das aber ist nicht die Absicht der Erbauer gewesen. Das wirkliche Prag ist leise und verstohlen. Es ist ein heimlicher Blick auf geronnene Zeit. Es flüstert.

Doch um dieses Flüstern zu hören, ist es zwingend notwendig, aus der lärmenden Reihe zu treten und quer zu laufen. Auf der Suche nach rätselhaft klingenden Orten wie Karlín, Frantiskanská zahrada oder Letná. Erst dann offenbart sich das Geheimnis und der Tourist wird zu einem Reisenden.

Freitag, 17. August 2007

Kleine Jungs gründen gerne obszöne Religionen.

Locartes an Bellarmin. Diesmal ist es an mir, die Fragen zu stellen. Ich wundere mich, ob du jemals bedenken hast, daß deine Schreibe als Sektierei gesehen werden könnte? Oder noch weiter gefragt: fühlt man sich nicht verführt, dieser Möglichkeit Folge zu leisten. Es sind wahrhaftig aus absurderen Geschichten große und kleine Religionen entstanden. Du kennst sicherlich die Grundgedanken der Scientology und Entstehungsgeschichte der Mormonen.

Locartes. Dieser Gedanke ist für mich in der Tat nicht neu. Gerade über die Scientology mußte ich unlängst nachdenken. Der kulturelle Effekt von Scientology stimmt mich sehr ironisch. Denn die Deutschen bekämpfen Scientology, weil sie glauben, damit Freiheit zu verteidigen und Demagogie abzuwehren. Die Amerikaner sehen in diesem Verhalten eine Freiheitsberaubung. Wer hat nun recht?

Für mich besaß die Scientology stets etwas erstaunliches. Denn eine Meta-Religion wie die Dianetik, die auf den Paperback-Abenteuerbüchern eines mittelmäßigen Science-Fiction-Schriftstellers basiert, ist wirklich ein merkwürdiger, unwirklicher Sachverhalt. Gäbe es die Scientology nicht, man müßte sie als Schriftsteller erfinden - als eine Parodie auf den menschlichen Befreiungskampf, auf den Versuch die Eisenfesseln des Alltags zu zerbrechen und aus der unangenehmen, tödlichen Krankheit namens Leben etwas bedeutsames zu machen.

Ich war noch nie versucht, einem derartigen Verein beizutreten. Noch war ich jemals versucht sich dafür einzusetzen, daß er verboten wird. Ich kann Autorität nicht sehr gut ertragen - und um in Sekten zu bestehen, ist es besser eine richtige Lust an Autoritätsfiguren zu entwickeln. Im Fall von Scientology hat meine Faszination (die von einer Befremdung meistens nur schwer zu trennen ist) sicherlich auch etwas mit L.Ron Hubbards Lebenswerk zu tun. Ich finde es spannend, daß es Verbindungen zwischen ihm, Aleister Crowley und dem Ordo Templi Orientis gibt.

Zwar kann ich miese Science Fiction auch selbst schreiben, doch die Vision und das unerschüttbare Vertrauen in die amerikanische Popart, um aus schwulstigen Paperback-Fortsetzungsbüchern einen eschatologischen Kult zu schaffen - ich kann es nicht anders sagen, auf eine seltsame Art und Weise entlockt es mir Respekt. Nicht ganz ohne ein Zucken des Mundwinkels. Doch das ist nur zwischen Mr. Hubbart und mir. Zwei Typen, die wissen, wie man sich über leeren Seiten abmühen kann und daß Mut nötig ist, um mit aberwitzigen zu Papier gebrachten Ideen dem Spott und Gekicher der Existentialisten und der Intellektuellen zu trotzen.

Für den Hofstaat der Scientology und ihre neurotischen Gefolgsscharen reicht mein Verständnis leider nicht mehr. Ich war stets der Hierophant meiner eigenen Religion und machte mein gesamtes Leben zu einer einzigen Metanoia. Oder strebte diesen Zustand zumindest an.

Und mehr ist für den Anfang auch nicht nötig. Wenn die Menschen versuchen würden, ihr Schicksal nachhaltiger zu prägen, anstelle es unentwegt anderen zu überlassen, würden sie sich vermutlich weniger als Opfer empfinden und somit nur schwerlich von einer Karikatur wie Scientology beeindruckbar sein.

Aber damit kommen wir zu dem guten alten Thema, ob die meisten nicht dazu berufen sind, einfach nur Opfer und Schafe zu sein. Nach Freiheit blöken sie stets alle. Doch dann soll gefälligst eine Autorität auf die Bühne kommen und diese Freiheit erwirken. Wo kämen wir sonst hin?

Samstag, 28. April 2007

Ein Gedicht (Indien, 1995)

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Locartes: Der träumende Mensch

Locartes an Bellarmin. Du fragst mich, ob Worte, Zeilen und Prosa überhaupt befähigt sind, die Dinge, die ich erlebt und erfahren habe, angemessen wiederzugeben. Und falls sie es sind, ob du der richtige bist, der diese Arbeit verrichtet.

Nun, alleine kann ich es nicht tun, da mein Leben eine unstätige Reise ohne festen Wohnsitz geworden ist. Ich versorge dich gerne mit weiteren Einblicken und Bonmots, falls mein bereits verwendetes Geschmiere dich nicht bereits genug abgestoßen hat. Doch die Bürde des Gesamtwerks kann ich dir nicht abnehmen. Du weißt ja, auch bei den scheußlichsten Dingen muß jemand die schicksalhafte Arbeit auf sich nehmen und die Lücke in der Reihe schließen.

Ich erinnere mich an eine Zeile von dir, in der du Terence McKenna zitierst: Wo steht geschrieben, der nackte Affe ist auserwählt, die Wahrheit zu kennen? Und inzwischen habe ich mein Bildungsniveau angehoben und herausgefunden, daß nach Wittgenstein es in der Tat schwierig sein sollte, in den Besitzt von echter, unverfälschter Wahrheit zu gelangen, da das einzige Instrument, das uns dafür zur Verfügung steht, das Gehirn ist. Und gerade diese unbegreifliche Organ ist hier eher ein Hinderniss.

Das alles mag stimmen. Aber manche Dinge muß man einfach herausschreien. Denn über sie zu schweigen, wäre kein Eingeständnis an die mathematische Unerreichbarkeit der letzten Wahrheit, sondern lediglich Bequemlichkeit, Faulheit und Feigheit.

Die meisten Kinder schreien bei der Geburt. Niemand will wirklich in diese Welt. Doch in dem Zwang sie betreten zu müssen, in Folge von Handlungen anderer, ist des Seins tiefer und geheimer Sinn. Hierbei spielt es keine Rolle, ob Sie später die Welt als per se gut und lediglich ein wenig mangelbehaftet empfinden, oder ob Sie Ihre Existenz unentwegt verfluchen, als eine Strafe für Dinge, die sich Ihnen nicht offenbaren. Beides ist falsch und das Rätsel besteht darin, den scheinbaren Nachteil des kalten, schmucklosen Geburtszimmers zu einem Vorteil zu wandeln. Dafür kriegen Sie 70 oder 80 Jahre Zeit. Manche viel weniger. Manche mehr.

Eine lange Zeit, die ausreichen sollte. Doch es zeigt sich unverhüllt und unverschämt: des Menschen Wesen liegt im Zwang, nicht in der Freiheit. Freiheit ist eine Idee, die umgesetzt werden kann. Darin zu versagen ist die Regel, nicht die Ausnahme. Und so bleibt der Mensch ein Träumer. Der Geist träumt von Freiheit und die Seele geniesst ihren ersehnten Zwang.

Das ist der Augenblick, an dem die Schriftsteller und Filmemacher die Bühne betreten. Die Geschichtenerzähler und die Minnesänger. Die Brückenbauer des Verstehens, des Ahnens und der Sehnsucht.


Locartes über Christen

Donnerstag, August 18, 2005

Locartes an Bellarmin. Sie alle wollten es nicht wahrhaben, daß ein Deutscher Papst werden kann. Nun haben wir den Salat. Der XX. Weltjugendtag zu Köln startet durch. Nicht nur junge Katholiken aus aller Welt pilgern in die Stadt mit dem größten Dom, um gemeinsam die Botschaft Jesu zu feiern.

Doch ich - ich verbreite schon wieder miese Laune. Denn blicke ich nach Köln, wo im Augenblick Hunderttausende Christen Freundschaft schließen, habe ich gemischte Gefühle. Während diese Zeilen dich erreichen, wird voller Spannung die Ankunft des Superstars Benedikt erwartet. Und bereits vor Tagen sprach man von dem "Kirchentag mit den zwei Päpsten": der Initiator der Weltjugendtage Johannes-Paul II im Geiste und Benedikt XVI im Fleische.

Nun, ich kann dir aus erster Hand berichten, was die eigentlichen Ideengeber dieses Kults davon halten: die Engel. Ich saß gestern mit ihm, dessen Namen ich dir nur durch das englische Anagramm zukommen ließ und wir blickten auf den Bildschirm eines Fernsehers. Da lachte er plötzlich auf, beinahe hysterisch und erzählte mir, daß der Herr Ratzinger noch vor wenigen Jahren in einem ARD-Interview meinte: die Inquisition sei ja nicht so schlimm gewesen, da sie den betreffenden Vorgängen erstmal einen rechtlichen Rahmen gab und somit durchaus einen Fortschritt darstelle. Er schüttelte anschließend den Kopf und versank seine Nase in das Whisky-Glas.

Es gibt keinen Weg, ihnen Sentimentalität zu entlocken, Bellarmin. Darin sind sie aus dem selben Holz geschnitzt, wie die Dämonen, die mich in all das hineingezerrt haben. Ich sehe Menschen, die in Köln zu Tausenden gute Laune demonstrieren.

Und ich komme nicht umhin zu fühlen, daß das schön anzusehen ist. Warum muß ich also wieder derjenige sein, der darüber abfällige Bemerkungen macht? Warum muß ich wieder die Drecksarbeit beim Äußern des Augenscheinlichen verrichten?

Immerhin: gemischte Gefühle bedeutet meistens auch einen beachtlichen Anteil positiver Gefühle. Die halten sogar dann an, wenn die begeisterten Jungchristen bei Großkundgebungen La-Ola-Wellen machen und die Redner euphorisch zu minutenlangem Schweigen verurteilen. Als die Nachricht vom gewaltsamen Tod des beliebten Frère Roger eintraf, der in diesen Tagen im Alter von 90 Jahren durch mehrere Messerstiche starb (zugefügt von einer verwirrten Rumänin inmitten einer Messe!), trauerten die Christen in Köln gemeinsam.

Und das ist sicherlich ein gutes Zeichen, denn vor 500 Jahren hätten die Christen in Köln beim Empfang einer solchen Nachricht erstmal präventiv das jüdische Viertel massakriert und abgebrannt, um befriedigt mit reicher Beute heimzukehren. Paar Dinge scheinen sich vielleicht doch geändert zu haben. Auch ist es sicherlich positiv zu werten, dass sich hier eine Jugend präsentiert, die nicht den übersexualisierten, neurotischen Geist der Werbung und des dümmlichen Konsums reflektiert, der unsere Kultur seit Jahren derartig dominiert. So weit so gut.

Doch die Engel sind da kritisch. "Wir brauchen keine tanzenden Hippies", meinte Er zu all dem. "Wir brauchen eine Menschheit, die endlich das Maul hält, ihren Technologiewahn aufgibt und endlich eins mit sich und der Umgebung wird.

Verzeih die Sprache, doch dieser Engel hat nur wenig Gespür für die Etikette. Ein Überwesen für das Grobe sozusagen. Ich höre ihn noch immer fluchen: "Ihr denkt, ihr könnt Gott für sich beanspruchen! Ihr denkt, ihr könnt die Erde für sich beanspruchen! Doch nichts davon gehört euch."

Aber auch in mir löst all das ein gewisses Staunen aus, wenn ich diese Begeisterung sehe. Denn für mich ist die Kirche - trotz aller positiven Signale der Gegenwart - ein sehr stark belastetes Ungetüm. Und der Prozess der Erkenntnis hat in voller Tragweite noch nicht einmal begonnen. Langsam beginnen die üblichen 8 oder 10 Millionen Opfer der Conquista in Lateinamerika aus den Schulbüchern zu verschwinden und werden ersetzt durch neue Zahlen, die von Historikern ermittelt werden. Die meisten sprechen inzwischen von 70.000.000, manche sogar von 110.000.000 Toten, die seit der tragischen Ankunft eines gewissen Columbus dahingeschlachtet oder durch Hunger und Krankheiten in den Tod getrieben wurden. Die heidnischen (aber zum Teil auch christlichen) Wikinger, die unter Leif Eriksson beinahe ein halbes Jahrtausend zuvor Amerika betraten, haben dort keine derartigen Spuren des Genozids hinter sich gezogen. Es fällt leicht zu sagen, dass man das alles nicht der Kirche ankreiden kann. Die Kolonisation Amerikas war in erster Linie ein finanzielles Unterfangen. Doch war die Kirche jemals etwas anderes? Es bedarf nicht der Bildung eines Theologen, um festzustellen, daß sich Christus beim Anblick Vatikans und dessen historischer Verfänglichkeit aller Wahrscheinlichkeit nach übergeben würde. Das mag hart klingen, doch vergleicht man die Situation mit der deutschen Geschichte, die die letzten 60 Jahre von einer intensiven Bemühung um Vergebung seitens der Opfer des Nationalsozialismus geprägt ist, sieht man innerhalb der Kirche wenig Willen, sich zur Vergangenheit zu äußern. Interessanter Aspekt ist natürlich, daß jene Länder, die damals die Feldzüge und Genozide finanzierten, heute viel weniger deshalb angegriffen werden, als die Kirche. Nicht viel hört man über Spanien oder Portugal, als Ziel von historischen Anklagen. Aber das liegt auch daran, daß das heutige Spanien nicht den Anspruch hat, die Welt zu missionieren. Die Kirche dagegen schon. Man würde meinen, zu einer Mission gehört in erster Linie ein reiner Leumund. Doch wer kann den der Katholischen Kirche bescheinigen? Wer kann ihn irgendeiner Weltreligion bescheinigen?

Die Kolonisationen, die Inquisition, die verlogenen Kreuzzüge (deren primäres Ziel wieder nur der Mammon war), die Machtkämpfe, die Lügen, die Kriegstreiberei. Ein Katholik zu sein bedeutet für mich erstmals, sich in eine 2000jährige Tradition des Belogenseins zu stellen, deren Wurzeln bis auf Paulus zurückgehen. Wahrheitssucher wie Origenes oder Klemens von Alexandria schätzte man in der Kirche nie, so wie man heute Hans Küng und Drewermann nicht schätzt. Afrika versinkt in AIDS, Asien in der Überbevölkerung, während die Superpäpste Johannes Paul II und Benedikt XVI gegen Kondome und Verhütung wettern. Doch was viel schlimmer ist: sie tun es in einem moralischen Kontext. Es gäbe durchaus philosophische oder esoterische Ansätze, die Kondome und Verhütung (aber allem voran die Abtreibung), als einen Fehler in der Wahrnehmung des Menschenschicksals aufzufassen. Einen Fehler, dessen Folgen eine Zivilisation in ihrer Geistigkeit früher oder später zu tragen hat. Doch diesen Tiefgang hat die Botschaft aus dem Vatikan nicht. Das Gespräch findet auf der Ebene der Sittlichkeit statt. Es sei eben nicht sittlich, zu verhüten, da die Empfängnis gottgewollt ist und das Fundament einer funktionierenden Familie darstelle. Und Sittlichkeit ist nun das Thema, bei dem die Kirche am besten mitreden kann, schließlich hatte ein großer Teil der Päpste intensive Erfahrungen mit Dirnen, Mätressen, Lustknaben und Orgien aller Couleur.

Was bringt es aber, ständig die Schandflecken der Vergangenheit anzusprechen, bekomme ich an dieser Stelle oft zu hören. Es gilt doch nach Vorne zu schauen. Ich bin gewillt dem zuzustimmen. Aber eine historische Amnes(t)ie für die Katholische Kirche sollte nur dann möglich sein, wenn dieses Recht für alle gilt. Vergeben wir nun Deutschen das Dritte Reich? Den Japanern das Nanking-Massaker? Der Nixon-Administration den Vietnamkrieg? Charles Manson den Mord an Sharon Tate?

Wer mal mit einem Erzengel auf einem Sofa saß, weiß daß die Dinge in Wirklichkeit fern aller Ideale so dahinverwesen, ohne wirklich Anteil an dem Spiritus Sancti zu haben. Du weißt inzwischen, was ich meine. All die leidenschaftlichen und in ihren Freizeitvereinen organisierten Christen, die zusammen eine große Party machen, mit Delikatessen-Zelten und Pilgerstäben als Souvenirs, sie tanzen, sie springen trunken vor Freude - mit ihren Mobiltelefonen machen sie Photos und versenden sie ihren Freunden und Eltern und Brüdern. Sie organisieren sich durch das Internet und die Satelliten bringen ihren Anblick in unsere Wohnzimmer, wo ein Erzengel und ich es uns ansehen. Und du solltest ihn hören: "Sie sie dir an, mit ihren Handys, Notebooks und WLan-Verbindungen. Mit all der Technologie, die ihnen die Dämonen gaben. Sie verstehen nicht. Wir wollen nicht, daß sie feiern. Wir wollen, daß sie sich unterwerfen."

Ich verstehe, was er meint. Benedikt mag sich gerne von all der jugendlichen Liebe durchfluten lassen. Daran, daß er die Befreiungskirche zerschlug, ändert es doch nichts.

Vielleicht sollten wir vergeben. Denn Vergebung ist Größe. Doch nicht wir, die Zweifler, sind hier gefordert, Größe zu zeigen, sondern jene Kirche, die ihre unterdrückte Sexualität in Hexenprozessen sublimierte und ihre Gier durch kontinentale Kriegszüge befriedigte. Es wäre Zeit für einige Bekenntnisse, damit Hetzern wie mir die Argumente ausgehen.

Und so komme ich nicht umhin, mir zu wünschen, diese jungen begeisterten Christen würden ihre eigenen Kirchen gründen. Sich abwenden von diesem verstaubten Kult alter Männer, deren Hypotheken abzutragen noch Jahrhunderte dauern kann, ungeachtet all des Geredes über Reformen und Modernisierung. Wer heute den Alltagsbetrieb in Kirchen beobachtet, sieht schnell, daß es gerade Frauen sind, die in freiwilliger Arbeit die Messen vorbereiten und dem Pfarrer zur Hand gehen (nun, die Kirche hätte zwar genug Geld, sie dafür zu bezahlen, aber das ist ein volkommen anderes Thema). Es ist befremdlich erstaunlich, daß gerade Frauen sich in einer Konfession engagieren, die über Jahrhunderte hinweg ein derartig sagenhaftes Niveau an Misogynie und wahrlichem Frauenhass bewies. Und das nicht ausschließlich in irgendwelchen "dunklen Zeiten", sondern vom ersten Tag an. Die Paulus-Texte sprechen da recht klare Worte. Und wenn der byzantinische Kaiser Justinian in der Hagia Sophia einer Messe beiwohnte, war es ja nicht so, daß seine Gattin Theodora unten mit den Männern vor dem Priester saß; sie hatte lediglich hinten auf der Gallerie mit den anderen Adelsfrauen ihren Platz. Ähnlich wie es heute die Frauen in islamischen Moscheen tun müssen.

Den bekannten Absatz 34 im 1. Korinther, Kapitel 14 kann man wohl auch kaum schönreden. Ihm liegt die aberwitzige Idee zugrunde, daß die einzige Frau, die wirklich in die Kirche gehört (vom Amt des Priesters gar nicht zu sprechen) die unbefleckte Jungfrau Maria ist. Der patriarchale Kult tritt hier deutlich zu Tage. Eine Männerreligion, bei der sich die Kerle regelmäßig ihren Segen vor einer unbeschmutzten Ikone holen, damit sie draußen weiterhin ihre präventiv vergebenen Schandtaten betreiben können.

Dienstag, 20. März 2007

Einstand

Seit Jahren begeleitet er mich und doch habe ich ihn nie getroffen. Am Anfang war es nur ein Karton voller Texte, Briefe und Aufzeichnungen. Später erfuhr Locartes davon und begann mir zu schreiben. Ich weiß nie, wo er sich befindet, wenn eine seiner Nachrichten eintrifft. Und ich weiß auch nie, was ihn veranlaßt, mir eine zu schreiben. Am Anfang schien es seine ironische Art zu sein, mir aus der Ferne zuzulächeln, während ich mich jahrelang damit abquälte, seine Notizen zu sortieren und zu entziffern.

Doch meinen Antworten müssen etwas beinhalten, das ihn interessierte, stimulierte oder doch zumindest amüsierte. Denn er begann mir auch über das erste Buch hinaus zu schreiben und weitere Details seines bewegten Lebens zu verraten.

Auch hier gilt jene Umsicht, die für dieses überirdische Brettspiel unverzichtbar ist: all seine Worte könnten mutwillige Lügen sein, genauso wie es gänzlich unabsichtliche, halluzinierte Lügen sein könnten. Doch ist eine Lüge noch eine Lüge, wenn der Urheber von ihrem Wahrheitsgehalt tief überzeugt ist?

Doch es könnte sein, daß die ganze Welt eine Lüge ist - und nur das, was uns Jan Marek Kámen mitteilt entspricht der Wahrheit. In Locartes we trust!