Donnerstag, 5. Januar 2012

Krematorien der Bücher - oder warum DRM blödsinnig ist

Da für mich das eBook insbesondere als ein Korridor zum Leser einen vorrangigen Stellenwert erlangt hat, wurde an mich bereits öfter die Frage gerichtet, weshalb meine eBooks keinen DRM-Kopierschutz haben.

Die erste Antwort ist einfach: da ich in ihrer elektronischen Form die ersten drei Bände von "In den Spiegeln" unter einer Creative Commons Lizenz herausgegeben habe (Cory Doctorow lässt grüßen), ist für mich das Kopieren und Weitergeben des Produkts ausdrücklich erwünscht und willkommen. Ginge es nach mir, müssten alle elektronischen Lesegeräte bereits in ihrem Werkzustand mit meinen eBooks ausgeliefert werden. DRM wäre hierbei nicht nur absurd, sondern auch lästig. Wenn ein Autor ein Hotel in Kathmandu betritt und dort in der Lobby sein abgegriffenes Paperback findet, das unzählige Mal von einem Globetrotter an den nächsten verschenkt wurde, ist sein Gedanke sicherlich nicht: wieso haben die Schweine sich nicht alle ihr eigenes Exemplar erworben.



Bezüglich käuflicher eBooks ist die Antwort durchaus etwas komplexer. Doch das wundert nicht, denn wir leben in komplexen Zeiten.

Dass Kunst, Information und die dazugehörigen Medien einen globalen Wandel erfahren, kann niemand übersehen. Die Angst, dass 1000 Menschen eine bestimmte Musik hören, oder einen Text lesen, während äquivalent dazu nur 1 Stück verkauft wurde, ist groß. Dabei gab es mal eine Zeit, in der tatsächlich tausend Menschen ein einziges Buch gelesen haben. Das nannte man dann Bibliotheken oder Büchereien. Einige erinnern sich noch. Das war dieses Wikipedia von damals. Nur ohne einen Trupp frustrierter Hobby-Bürokraten, die durch die Regale stöbern und Texte schwärzen.

Die heutige Angst vor dem Raubkopierer entstammt einer grundsätzlichen Kulturphilosophie, einem Zeitgeist, der ursprünglich von der guten alten Gier aus der Taufe gehoben wurde. Die Idee, dass das nächste Jahr um jeden Preis ertragreicher sein muss, als das vorangegangene Jahr und dem Wachstum keine Grenzen gesetzt sind. In den 60ern gab es ein Kulturphänomen, das man "Rock'n'Roll" nannte. Und wenn man damals einen angehenden Vertreter dieser Richtung befragte, was ihn motiviert, eine Band zu gründen, lautete (außer man interviewte Syd Barrett) die Antwort stets: "I wanna be rich and famous". Ein künstlerisches Motiv, das heute noch in Form von peinlichen "Supermodel"- und "Superstar"-Spektakeln im Privatfernsehen überlebt hat. Wer dort dann in der Jury sitzt, gehört in der Tat zu dieser mikroskopischen Minderheit jener Leute, die von DRM profitieren können. Zumindest mit Hilfe einer wuchtigen Anwaltskanzlei.

Auf das Risiko hin, wie Don Rumsfeld zu klingen: das ist für mich die "alte" Welt. Natürlich müssen Künstler bezahlt werden, weil sie sonst verhungern würden. Aber sie möchten auch viele Hörer, Zuschauer oder Leser erreichen. Hier steckt nicht selten ein gewisser Widerspruch drin, denn oft kann man das eine nicht im Einklang mit dem anderen haben.

Das Problem ist, dass im heutigen Verlagswesen kaum jemand versteht, wer Kopierpiraten eigentlich sind. Doch ich kann jedem Brief und Siegel darauf geben, dass kein Pirat der Welt jemals für das, was er kopiert, Geld ausgegeben hätte. Und ein überwiegender Teil jener Menschen, die seine Vervielfältigungsmaschinerie in Anspruch nehmen auch nicht. Keine Werbung und kein handelsüblicher Gutschein-Dünnschiss hätte diese Menschen jemals erreicht.


Es mag nicht überraschen, dass die selben Arschlöcher, die die Fahne für DRM schwenken, auf die gleichen Partys gehen, wie jene, die eBooks für 12 oder 15 Euro verkaufen. In meiner naiven Denke sollte das virtuelle und nicht greifbare Produkt stets deutlich preiswerter sein, als das Produkt, das aus echter Materie hergestellt wurde und eine breite Schneise des CO2-Fußabdrucks hinter sich zieht. Um 1000 Bücher zu verkaufen, muss ich 1000 Bücher herstellen. Das ist ein halber Baum. Um 1000 eBooks zu verkaufen, muss ich 1 Datei herstellen. Ich habe Schimpansen gekannt, denen dieser Sachverhalt klarer war als den meisten Verlegern. Stattdessen werden die eBook-Shops zunehmend als restriktive Plattformen gestaltet, mit überteuerten eBooks und bizarren Kopierschutz-Anforderungen. Das bezeichnet man dann als Kundenbindung.

Heute wird gerne mal der Künstler als moralisches Schild für dieses Thema benutzt. In manchen Plattenfirmen werden auch schon mal kernige Slogans kreiert, wie: "Jede schwarzgebrannte CD zerstört eine Nachwuchsband". Abgesehen davon, dass in den rosigen und wonnigen Zeiten des Musik- und Literaturbetriebs das Auszahlungsverhältnis zwischen Produzent und Künstler manchmal bei 20:1 lag und niemand sich berufen fühlte, irgendwelche kreativen Leute zu schützen, haben die meisten Künstler längst erkannt, dass eine Revolution in der Verbreitung, Verwaltung und Wertschöpfung von Kunst und Unterhaltung überfällig ist. Und dass diese Methode weniger spektakulär und exzessiv sein wird, wie in den "guten alten Zeiten" ist zwingend notwendig. Aber das gilt für alles, das uns heute bewegt. Natürlich ist es wahnsinnig toll, einen eigenen Leerjet zu haben und keine Prostituierte unter 2000 Euro anzufassen. Großartig! Aber leider einfach nur eine weitere zivilisatorische Laune, die in der selben Truhe mit der Aufschrift "20. Jahrhundert" eingesperrt gehört, wie Zyklon B, Derivate und Plateauschuhe für Männer.

Es tut mir leid das zu sagen, aber der Paradigmenwechsel ist kein Wohlfühlzustand, bei dem sich in Wirklichkeit gar nichts ändert und wir uns einfach paar nette Sachen gesagt haben, um uns nun besser zu fühlen. Manche Dinge werden in der Zukunft nicht tragbar sein. Ökonomisch, ökologisch, ethisch. Es gab schließlich eine Zeit, in der es als äußerst chic galt, einen halben Wald in Norditalien abzuholzen, nur um sechs Monate lang am Stück blutrünstige Zirkusspiele zu betreiben. Eine nette Idee, doch vollkommen asynchron zu unserer jetzigen Welt und Demographie.

Die Zeit der Superstars ist vorüber. Ich weiß, dass dem auch etwas Trauriges innewohnt. Die guten alten demolierten Hotelzimmer, das Anschnauzen von Servicepersonal und der Tross aus Bodyguards, Managern und Produktionsassistenten wird irgendwann endgültig der Vergangenheit angehören. Wir werden darüber in Büchern lesen und es in Spielfilmen nachleben und uns wünschen dabeigewesen zu sein. Das Caligula-Zeitalter, das wir die Moderne nennen, befindet sich heute schon in seiner Abenddämmerung. In den Schaltzentralen des Kulturbetriebs sitzen noch die alten Kader und brüten darüber, welchen noch nicht dagewesenen Beschiss man dem Konsumenten aufbürden kann, um wenigstens ein wenig der guten alten Exzesse in die neue Ära herüberzuretten. DRM ist nur ein Beispiel von vielen. Ein Beispiel für eine mißverstandene Zukunft.



Warum habe ich also kein DRM auf meinen Produkten? Die Antwort darauf ist auch die Antwort auf das Problem der Musik-, Film- und Literatur-Industrie. Weil der relativ nichtige Preis meines eBooks weniger Wert ist, als die "freiberufliche" Zeit eines Raubkopierers. Ein Leser, der drei oder vier Euro in mich investiert, tut dies, nachdem ich mehrere Monate über einem Manuskript geschwitzt, ein Lektorat finanziert und sich in die Formatierungsabgründe der eBook-Dateien begeben habe. Er besiegelt damit einen Pakt, der auf Augenhöhe stattfindet und keines Kopierschutzes bedarf. Ich genieße den Luxus, den Leser nicht auf seine Geldbörse reduzieren zu müssen.

Denn eins zeigt die Geschichte des Internets und der neuen Medien deutlich, ohne dass daraus die nötigen Konsequenzen gezogen werden: zwischen dem Vorhandensein und Nichtvorhandensein eines Kopierschutzes und der Überlebensfähigkeit eines Künstlers besteht keine, aber so gar keine Kausalität. Somit kehren wir zu der modernsten aller Fragen zurück: qui bono?

Für mehr Informationen: http://tinyurl.com/89epad9



Montag, 17. Oktober 2011

Zwischen Vampiren und Goblins. Auf der BuCon 2011

Vor meiner Ankunft auf der BuCon 2011 plagte mich am meisten die Frage, wer in aller Welt mich für einen Preis vorschlug, der offensichtlich für jemanden reserviert ist, der sattelfest in der Welt der Vampire, Elfen, Kobolde und - deren modernerer Zeitgenossen: der Zombies ist. Der Idee, nicht zu einer Preisverleihnug zu fahren, weil man den Preis am Ende eh nicht bekommt, wohnt oft ein gefährlicher Irrtum inne und so begab ich mich zusammen mit Anna am Ende doch in die ultimative Geek-Zone. Fazit: Es war eine gute Idee.

Tatsächlich gab es dann auch all das, was man hierbei erwartet: Feen, Vampire und Zombies. Und Vampire. Und noch mehr Vampire. Aber es gab auch Steam Punk. Und hardcore Science Fiction. Und der allgegenwärtige Geist von Wolfgang Jeschke schwebte über all dem.

Und nichts an meinen Worten ist Kritik, Vorwurf oder gar Hohn. Gerade heute brauchen wir Mythologie. Wir brauchen mehr davon. Viel mehr. Ich werde kaum jemals etwas nachhaltiges zum Thema Fantasy beitragen. Das können andere Autorinnen und Autoren viel besser. Viele von ihnen waren auch da. Meine Geschichten drehen sich weiterhin um vertraute Alltags-Themen wie Sex, Drogen und Religion. Und den Tod - die ultimative Fantasy. Doch wie eine vergessene Vorstadt-Karikatur von Philip K. Dick bin ich (wenn schon nicht der passende Leser oder Co-Autor) dennoch ein großer Fan und Befürworter dieser grenzübergreifenden und grenzüberschreitenden literarischen Sphäre. Lektionen in geistiger Offenheit und Toleranz gefällig? Fahrt einfach auf die BuCon.

Außerdem klang von allen Nominierten mein Name einem berühmten Captain am ähnlichsten. Macht das mal nach.

Am Ende ging der Preis verdienterweise an Gesa Schwartz, die mit ihrer Dankesrede alle verzauberte und in ihren Bann zog. Wer weiß, ob das Publikum nicht Teer und Federn hervorgeholt hätte, wenn es anders ausgegangen wäre? Ich hatte nochmal Glück.

Ich habe wahrhaftig keinen Grund unzufrieden sein. Da es hierzulande nur einen solchen Preis für Phantasik gibt, die Debütanten zahlreich waren und nur fünf in die engere Auswahl kamen, habe ich natürlich vor, meinen vierten Platz auf jede nur erdenkliche schamlose und der Social Media eigene Art und Weise auszuschlachten. Hier komme ich also, der viertbeste Debütant 2011 im Bereich Phantastik-SciFi-Fantasy! Isaac, Arthur, Philip und J.R.R. - ich hoffe, ihr seht zu, irgendwo aus einer transversalen Paralleldimension heraus, die wir mangels Ahnung als das Jenseits bezeichnen! Pickar out.




Notizen vom Eurotower - 15. Oktober 2011 - Nachmittag

Willy Brandt dreht sich häufig im Grabe um, bei der Vorstellung, dass die Europäische Zentralbank an dem nach ihm benannten Platz steht. Zu seiner Lebzeit wohnte im Eurotower noch eine Gewerkschaftsbank. Aber um so mehr hätte ihn sicherlich gefreut, dass sich nun mindestens vier Generationen dort versammelt haben, um gegen eine Weltordnung zu protestieren, die vom Jahr zu Jahr unerträglicher wird und nur noch wenig mit der hart erarbeiteten Real-Ökonomie des Wirtschaftswunders zu tun hat.

Am Samstag Nachmittag mochten es an die Tausend Menschen hier in Frankfurt gewesen sein. Die Intellektuellen und die Dichter und Schriftsteller haben gefehlt. So ähnelte diese Begegnung kaum den Protesten der 60er. Entsprechend war auch die Ultralinke angenehm wenig präsent. Die Menschen haben abgeschlossen mit -ismen und -isten. Das sind nur noch Etiketten, die von all jenen verteilt werden, die keine Veränderung wünschen. So gab es auch keine Entladungen der Wut oder Gewalt. Der Nachmittag ähnelte einer Beerdigung, bei der die alte, überholte Welt, mit all ihren Tricks und Heucheleien zu Grabe getragen wird. Die Blicke waren ernst, die Stirn gerunzelt. Niemand im Regierungsapparat sollte auch nur einen Hauch des Vertrauens von diesen Menschen erwarten. Weshalb auch?

Doch es zeichnete sich auch ab, dass der Effekt und der Erfolg einer solchen Begegnung am Ende von jenen wenigen abhängt, dei dort über den Samstag hinaus verharren, mit Zelten und Decken und trotz Kälte des Herbstes mit jedem weiteren Tag die nun so bitter nötige Aufmerksamkeit der Medien und Kameras auf sich ziehen.

Ich hoffe nun, dass die Menschen von Frankfurt hier weiterhin Hilfe und Solidarität zeigen. Manche können einfach einen guten Tee kochen, und andere kennen sich mit Sanitäreinrichtungen aus. In einer Stadt, in der täglich 1300 Flugzeuge landen und starten und die eine zentrale Drehscheibe für den weltweiten Monetarismus darstellt, ist es nun wichtig zu zeigen, dass es im Leben in Wirklichkeit um gänzlich andere Dinge geht.



Bilder vom Tatort: via Facebook

Donnerstag, 31. März 2011

Alles nur Arschlöcher

Ich rege mich zu leicht auf. Ein Fehler. Vielleicht. Doch möglicherweise auch ein nützliches Warnsignal für debilen Schwachsinn, der heutzutage als soziale Norm kaschiert wird.

So demonstriert dieser Artikel, weshalb ich nur begrenzt gerne auf diesem Planeten lebe. Es scheint unser Schicksal zu sein, eine infantile Zivilisation zu bleiben und fortan zu sein. Leicht lenkbar und noch leichter ablenkbar.

Schlachtung von Kaninchen vor entsetzten Schülern
Erst wurde das Kaninchen gestreichelt, dann wurde es geschlachtet - mit diesem Projekt hat eine Schule in Schleswig-Holstein Schüler der fünften Klassen und einige Eltern entsetzt. Wie ein Sprecher des Schulministeriums in Kiel einen Bericht der "Lübecker Nachrichten" bestätigte, brachen mehrere Schüler der Gemeinschaftsschule Ratekau in Ostholstein bei der Schlachtung im Rahmen einer Projektwoche in Tränen aus.


Das Schlachten von Tieren habe in einer Schule nichts zu suchen, heißt es da weiter unten. "Wir leben heute nicht mehr in der Steinzeit", tönt der Vorsitzende des Elternbeirats. Ich weiß nicht, weshalb ich stets das Wort "Arschloch" auf den Lippen habe, wenn sich irgendein Elternbeirat zu Wort meldet.

Nun bleibt es wieder Half-Life, Doom und Counter-Strike überlassen, die Erziehung dieser Kinder zu übernehmen. Oh you stupid fucks! Fucking assholes! Fuck. Fuck. Fuck.

...

Originalartikel: http://de.news.yahoo.com/...a4484c6.html

Dienstag, 15. Februar 2011

Die Geekolution

Gideon Böss schreibt in seinem Blog, warum er Julian Assange nicht mag (http://boess.welt.de/). Obwohl die darin umrissene Meinung des Autors legitim ist und nachvollziehbar, berührt das negative Gesamturteil doch in keinster Weise die Probleme der Gegenwart. Eine Unzulänglichkeit, die nicht nur hier in Erscheinung tritt, sondern in zahlreichen Zeitungsartikeln.

Dahinter steckt eine absurde Denkformel, die ungefähr so klingt: Wie kann Julian Assange der Messias sein, wo er doch so ein Arschloch ist?

Ich weiß. Ein Strohmann-Argument. Aber sich an dieser Stelle realpolitisch zu gebärden, ist einfach nur hoffnungslos langweilig.

Julian Assange ist möglicherweise ein unsympatischer Nerd, der durch exotische Wendungen des Schicksals zu einer Kultfigur geworden ist. Nun muss jeder für sich entscheiden, ob er mit einem Assange-T-Shirt herumlaufen möchte, oder nicht.

Doch das alles spielt keine Rolle. Es ist unwichtig, ob Assange sich für den obersten Informationsverwalter hält und ob er ein netter Typ ist (einiges spricht dagegen). Menschen wie Daniel Ellsberg tauchen nicht "zufällig" an einem bestimmten Punkt der Geschichte auf. Sie sind Symptome für einen Zustand, der unhaltbar geworden ist. Für die Fäulnis unter dem Teppich.

Beseitigen wir die Fäulnis und "Whistleblower" werden unnötig. Ich brauche auch nicht einem Heroinjunkie die Schlüssel zu meiner Wohnung zu geben, während ich in den Urlaub fahre. Niemand verlangt das. Aber ich sollte ihn als ein präzises Symptom sehen, für das Gemeinwesen in dem ich lebe. Es ist Zeitverschwendung, darüber zu brüten, ob man Assange mag, oder nicht. Wichtig ist nur, dass er ebenfalls symptomatisch für eine an vielen Stellen unerträgliche Welt ist. Das Problem ist nicht Assange und sein in der Öffentlichkeit breitgekauter Charakter. Das Problem ist diese monströse Architektur aus Lügen und Irreführung, die von uns Privilegierten als "Alltag" bezeichnet wird.

Gideon Böss lässt sich über das "unbedarfte Grinsen des Soldaten" aus (gemeint ist Bradley Manning), was einem journalistischen Contenanceverlust gleicht. Denn eine Zigarre ist manchmal nur eine Zigarre. Und das hier ist nur ein Foto von einem Jungen in der Armee. Physiognomik kann schnell zum Glatteis auf Karl-May-Niveau werden. Außerdem - was wäre hierbei der Rückschluss? Dass Alfred E. Neumann ein offensichtlicher Spitzbube ist?

Relevant ist nur, dass diese Zivilisation einen Paradigmenwechsel einschlagen muss, der nicht nur die Gesellschaft verändert, sondern in erster Linie die Wirtschaft und Politik.

Die ersten Schritte hierbei sind zugleich auch die unbequemsten Schritte. Die "netten" Jungs, wie Herr Böss oder ich, sind da halt nie zur Stelle, wenn es darauf ankommt. Wir schreiben nur im Nachhinein, ob uns Assanges Frisur gefällt.

Man sollte also nachsichtig sein mit Julian Assange. Nur ein arroganter Egomane konnte soviel Chuzpe aufbringen, um ein Vehikel in Bewegung zu setzen, das so tief im Schlamm steckte.

Wir waren ja nicht da.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Mind blowing. - Die Widerlegung

Meine Freundin ermahnt mich. Die Lage rund um das öffentliche Interesse an den Wundern der Natur, des Kosmos und der Naturwissenschaft seien beim Weiten nicht so dramatisch und pessimistisch, wie ich es in meinem letzten Posting entworfen habe.

Als Beispiel führt sie eine Veranstaltung der TU in Garching (http://www.forschung-garching.de/) letztes Jahr, die wir besucht haben. Der Andrang war wirklich immens und die - eher für Einsteiger gedachten - Vorträge, ließen die Hörsäle aussehen, als würde dort gerade jemand ein neues Naturgesetz präsentieren. Oder zumindest die Fermatsche Vermutung beweisen.

So weit so gut. Wenn die TU oder das Max-Planck-Institut ihre Tore öffnen, brechen stets unzähliche Menschen auf, ungeachtet des Bildungsgrads oder des Standes, um wenigstens etwas die Distanz zu verkürzen, die zwischen der heute gängigen physikalischen, kosmologischen, biologischen und chemischen Theorie und der alltäglichen Wahrnehmung des Lebens besteht und sich in meinen Augen jedes Jahrzehnt weitet.

Dass derartige Veranstaltungen und Tage der offenen Türen ein Erfolg sind, ist ein Phänomen, das durchaus Hoffnung macht. Die Geheimnisse der Natur sind für die viele (vielleicht für die meisten) Menschen auf einer intuitiven Ebene faszinierend und verlockend.

Doch es ist keine Neuigkeit, dass Naturwissenschaft (insbesondere jene, die sich jenseits des Newtonschen Raums abspielt) beinahe jeden zum Staunen bringt und in seinen Bann zieht. Das stand nie zur Abrede - obwohl ich durchaus sicher bin, dass gerade bei jungen Menschen die Schichten aus geistigem Ballast, die vorher abgetragen werden müssen, damit etwas (das gar nicht "cool" oder "geil" ist) angenommen und als interessant empfunden wird, zunehmend größer werden. Dass gerade in diesen jungen Jahren das Interesse an diesen Themen in der Gruppe als peinlich und marginalisierend empfunden wird, ist freilich eine einwandfreie Bestätigung für die Worte George Bernard Shaws: "Wie wundervoll die Jugend ist. Es ist eine wahre Schande, dass man sie an Kinder vergeudet."

Aber war es jemals anders? Ich nehme an, auch in den Tagen Alexander von Humbolds waren jene jungen Männer, die sich mit Fechten und Reiten beschäftigten "cool", während der eine Junge in der Gruppe, der lieber sein Fernglas polierte, als ein "Geek" abgestempelt wurde.

Und dies berührt auch den - zugegeben etwas konservativen - Punkt, ob die sogenannte Jugend heute nicht arg zu lange in Infantilität verweilt. Zwar verstehe ich all die geflügelten Worte darüber, dass der Mann sich seine Kindlichkeit bewahren soll (das Gegenteil macht ihn vermutlich zu so einer Art Dick Cheney), doch Kindlichkeit und Infantilität sind kaum identisch.

Dass sich also das Gelände der TU Garching mit Menschenmengen füllt, wann immer man zu einem offenen Samstag aufruft, ist eine gute Sache. Doch der große Mittler zwischen Mensch und Wissen sind die Medien. Und das Fernsehen wird hier seiner Aufgabe kaum gerecht - ARTE und BR-Alpha mal ausgenommen. Was inzwischen im ZDF als naturwissenschaftliche Sendung präsentiert wird, ist stellenweise grotesk und unverschämt. Letzters vor allem für uns, die dafür steuerartige Gebühren zahlen.

Wie so oft bleibt es dem Internet und den Büchern überlassen, uns etwas über das Higgs-Teilchen und die Myonen beizubringen. Oder - zugegeben - der einsamen Oase in einer Geisteswüste: dem Online-Archiv von Alpha Centauri auf BR-Alpha.

Warum ist das alles denn wichtig? Warum sollte man etwas über Teilchenphysik wissen? Bringt es mehr Geld im Job? Hilft es dabei, rechtzeitig den nächsten RTL-Superstar zu identifizieren?

Nun, vermutlich ist es überhaupt nicht wichtig. Aber halten wir eins fest: seit über 100 Jahren überträgt die Menschheit systematisch ihr gesamtes Überleben und Wohlwollen in die Hände von Technik. Für die meisten Menschen ist der komplette Entzug der Naturwissenschaften aus ihrem Leben ein mögliches Todesurteil.

Denn die Vorzüge des Menschen, die ihm halfen Eiszeiten zu meistern und sich gegen deutlich schnellere, stärkere und mit besserer Sinneswahrnehmung ausgestatte Tierarten dutchzusetzen, haben zu tun mit: Töten, Schlachten, Nähen, Schnitzen, Gerben, Säen und der Fähigkeit sind in der Not zu bescheiden.

Es gibt keine einzige funktionierende Überlebensstrategie, die auf der umfangreichen Nutzung von Facebook oder eines Mobiltelefons basiert.

Sollten wir alle nun Jagen lernen und Felder bebauen? Es würde uns nicht schaden, aber es ist natürlich als flächendeckendes Szenario einer entarteten und sich vollkommen verantwortungslos vermehrenden Spezies ein aberwitziger Vorschlag.

Es bleibt also bei der Technik, die uns über Wasser hält. Die Wasserzufuhr, die Computer, die Kommunikationssysteme und künstliche erzeugte Wärme. Doch versuchen wir diese zu verstehen? Natürlich nicht. Viele sind schon bei Edison und der Glühbirne ausgestiegen. Der Wiedereinstieg 130 Jahre später erscheint kompliziert.

Heute steckt man gerne die Quantenphysik in eine Schuhschachtel, auf der mit einem Filzstift geschrieben steht: Wirre und extravagante Theorien. Das zumindest ist die Wahrnehmung. Interessant, abstrakt, aber was soll damit eigentlich sein?

Doch die Wahnheit sieht anders aus. Wir nähern uns einem Punkt, an dem 50% des weltweiten Bruttosozialprodukts mit Quantenphysik erwirtschaftet wird.

Wie dem sein kann? Einfach. Mobiltelefone, Computerplatinen, Flachfernseher, Laptops und Navigationssysteme, genauso wie medizinische Technik. Diese Dinge sind vollgestopft mit Niels Bohr, mit Heisenberg, Schrödinger, Dirac und Pauli.

Wie gesagt - diese Grätsche wird nicht kleiner. Je progressiver neue elektronische Produkte werden, um so geringer unser alltägliches Grundwissen, über die Naturwissenschaften, die diese Technik ermöglichen. Die Schuld liegt nicht bei den "deinteressierten, gelangweilten Kids und einer übergewichtigen Sofa-Generation", denn die Tage der offenen Türen verschiedener Institute beweisen das grundsätzliche Interesse am Verstehen, am Erkennen jener Stoffe und Mechanismen, aus denen sich die Welt zusammensetzt. Doch oft fehlt das Bindeglied, das hilft, den Geist offen fürs Neue zu halten. Denn obwohl das Wundern und der Sinn für Wunder den meisten Menschen inherent ist, muss der geistigen Bereitschaft dazu manchmal etwas nachgeholfen werden.

Zuerst sollten die Eltern hierfür verantwortlich sein. Dann die Schulen. Und dann die Medien.

So wundert es nicht, dass auch hier sich die Esoterik breit macht. Jene Geisteshaltung, die so perfekt dafür geeignet ist, um Lücken zu füllen, die andere in ihrer Nachlässigkeit hinterlassen haben. Plötzlich wird da versucht auf obskure Weise die Quantenmechanik für esoterische Gedenkengebäude zu highjacken. Befremdliche Machwerke wie "The Secret" berufen sich auf die Quantenmechanik, als wäre sie die Kronzeugin ihrer seltsamen Lehren.

Die Naturwissenschaftler schweigen hier oft, denn es erscheint ihnen zu absurd, um es überhaupt mit einer Gegenantwort zu würdigen.

Hierbei stellt sich die Frage, was schlimmer sei: eine seelige Ahnungslosigkeit, oder ein gefühlsduseliges kosmologisches Missverständnis.

Sonntag, 2. Januar 2011

Mind blowing.

Als Albert Einstein 1916 seine Allgemeine Relativitätstheorie vorstellte, ließ der Medienrummel nicht lange auf sich warten. Spätesten zwei Jahre später, am 29. Mai 1919, als Astronomen mit Hilfe einer Sonnenfinsternis die Effekte der ART bestätigen konnten, war Einstein ein Superstar und der Mann für Titelseiten. Eine nicht ganz unproblematische Situation, bedenkt man, dass kaum jemand wirklich sagen konnte, was die SRT und ART eigentlich sind und bedeuten. Man schrieb euphorisch über das Genie, aber so genau konnte niemand sagen, was das eigentlich alles bedeutete. Immerhin. Es war eine Zeit des euphorischen Fortschrittsglaubens - bestätigt durch die Neuigkeiten aus der Welt der Elektrizität, der Medizin, der Flugzeugkonstrukteure, der Autobauer und der Chemiker. Der überwiegende Teil einer Zukunft, die für uns heute alltäglich ist, entschied sich in diesen wenigen Jahren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Diese Euphorie ist heute gänzlich fort. Sie war nicht immer gerechtfertigt. Es war sicherlich angemessen, das Penizillin zu feiern. Nicht so gut - die Wunderwaffe V2. Dennoch täte der Welt ein wenig des guten alten Wunderns über theoretische Quantensprünge gut. Denn ungeachtet ihres Ausmaßes oder ihrer Tragweite: sie bleiben heute geradezu unbemerkt. Ein neuer Einstein und eine neue Relativitätstheorie - sie würden heute kaum die Presse von damals erhalten. Zu sehr spielt es heute eine Rolle, ob ein Theorem in ein iPad reinpasst oder was für eine App sich damit machen läßt. Eine problematische Umkehrsituation zu "damals", bedenkt man, dass ein iPhone ein Gerät bezeichnet, das vollgestopft mit Quantenphysik und Relativitätstheorie (GPS-Korrekturen) ist. Der Consumer interessiert sich aber nur für das Ergebnis. Die Idee, dass der Schatten der großen Theoretiker wie Einstein, Minkowski, Heisenberg, Schrödinger oder Dirac tatsächlich auf all diese mehr oder weniger wichtigen Spielsachen fällt, geht gänzlich verloren. Ich frage mich, ob wir nicht manchmal gefordert wären, mit all diesen Gadgets würdigere Sachen zu machen, wenn uns dieses größes Vermächtnis bewußter wäre. Dafür müßte es im TV vermutlich weniger Bohlen und mehr Bohr geben und weniger Westerwelle und mehr Wellengleichungen.

Und umgekehrt stellt sich die Frage, welche grandiosen, doch unbeachteten Ideen und Theorien von Heute bereits morgen Grundlagen schaffen, für Consumer Products, die dann Milliarden Menschen hysterisch verwenden werden.

Einstein war immerhin für viele daumendicke Schlagzeilen gut. Und für ein Bild mit ausgestreckter Zunge. Heute kann ein theoretischer Physiker ein absolutes Wunder der Natur präsentieren, einen Wirbelsturm der Ideen und Konsequenzen - es findet keine Aufmerksamkeit. Denn falls es nicht in die Zeilenlänge von Twitter passt und nicht zeitgleich von Steve Jobs oder George Lucas aufgegriffen wird, bleibt das Wunder unerkannt.

Es ist ja auch nicht einfach. Das zwanzigste Jahrhundert hat deutlich gezeigt, dass die Welt nicht simpel ist, wie es moderne Ratgeber so gerne andeuten, sondern alle Dinge der Erkenntnis äußern sich im Gegenteil als sehr komplex und zeigen teilweise eine abstrakte Natur, die der täglichen Intuition zuwiderlaufen.

Bei den beiden Physikern John H. Conway und Simon B. Kochen stellt sich leicht dieses Gefühl eines einmaligen Wunders ein. In 2004 lieferten sie den Beweis, dass in der Natur "freier Wille" tatsächlich vorkommt. Ein Beweis mit interessantem Timing - da seit den späten 90er Jahren ein regelrechter akademische Krieg stattfindet, zwischen Vertretern einer reduktionistischen Neurologie auf der einen Seite und einer Menge Psychologen, Philosophen, Theologen auf der anderen Seite.

Die Freie-Wille-Theorie ist bahnbrechend und verdient vermutlich einen ähnlichen Rummel, wie ihn vor 100 Jahren die Allgemeine Relativitätstheorie bekam. Aber das entspricht einfach nicht der Zeit, in der wir leben.

Dabei klingt die Idee, dass subatomare Teilchen einen eigenen Willen haben, derart wahnsinnig, so unbeschreiblich absurd, dass man eher gewillt ist, an UFOs oder Telekinese zu glauben.

Aber das ist, wo der eigentliche Spaß beginnt. Subatomare Teilchen haben tatsächlich einen freien Willen! Natürlich muss man hierbei drei Fragen klären:

1. Was ist ein subatomares Teilchen?
2. Was ist frei?
3. Und was ist Wille?

Am Ende kann man nur ein atemloses Wow von sich geben. Und wieder ein Mal begreifen, dass wir mit unserer Erkenntnis über das Wesen dieser Welt weder am Ende, noch in der zweiten Hälfte sind - viel wahrscheinlicher irgendwo ganz am Anfang.

Wer mehr über den "freien Willen der Elementarteilchen" erfahren will, muss investieren. Nicht Geld, sondern Zeit. Eine sechsstündige Vortragsreihe von John H. Conway ist die erste Eintrittskarte. Am besten mehrmals. Ich bin bereits beim 4. Durchlauf und ich glaube ich verstehe schon 5% davon.

Also auf nach Princeton!

Lecture 1: Free Will and Determinism in Science and Philosophy
Lecture 2: The Paradox of Kochen and Specker
Lecture 3: The Paradoxes of Relativity
Lecture 4: Quantum Mechanics and the Paradoxes of Entanglement
Lecture 5: Proof of the Free Will Theorem
Lecture 6: The Theorem’s Implications for Science and Philosophy