Freitag, 8. August 2008

Die Demokratie und ihre Zuhälter.

Der Siegeszug der Demokratie wird heute nicht beginnen. Denn die Demokratie trägt ihren gewohnten Halsband und ein glitzerndes Paillettenkleid ohne Unterwäsche. Ihr Gesicht ist verheult, die Knie aufgeschlagen und die Schminke verschmiert. Sie wird schluchzend durch die Metropolen dieser Welt getrieben, um Freier mit den größten Brieftasche zu finden. In dunklen Gassen kannst du sie manchmal auf ihren brennenden Knien sehen, bei unzüchtigen Handlungen mit alten Männern in Anzügen.

Daran wird auch die Eröffnung der Olympischen Spiele in Beijing, die in diesen Minuten stattfindet, nichts ändern. Eine Million Zeitungsartikel später. Eintausend Bezichtigungen des Dalai Lama, ein Separatist zu sein, später. Einhundert Hinrichtungen später. Nach einem aberwitzigen Fackellauf mit dem Olympischen Feuer, begleitet von einer Schar Bodyguards in sauberen Trainingsanzügen. Und nach dem ganze Viertel in Peking vor dem zornigen und feuchten Blick ihrer Anwohner eingerissen, zerstört und dem Boden gleichgemacht wurden. Um dort olympische Scheußlichkeiten hinzubetonieren. Um bereit zu sein für den ersehnten Medienrummel, der endlich das schiefe Bild Chinas in der Welt gerade biegen soll. Den frischen Wind in ein Jahrhundert schlechten architektonischen Geschmacks made in China bringt nun die Avantgarde, oder zumindest eine naive Interpretation davon. Zwanghaft modern und doch irgendwie kitschig, wie eine Mischung aus Spiderman-Comics und Käpt’n Iglo.

Wird es mehr Demokratie geben, mehr Freiheit, mehr Transparenz geben, wenn die Sportler und die Journalisten wieder abgezogen sind?

Als die Olympischen Spiele 1936 nach Berlin gingen, mag es solche Hoffnungen auch gegeben haben. Gerechterweise muss man sagen, dass das IOC bereits 1930 (also 3 Jahre vor dem Sieg der NSDAP) die Kandidatur Deutschlands annahm und ein Jahr später - mehr durch einen Mangel an Gegenkandidaten, als aus Begeisterung - dem Austragungsort Berlin zustimmte. Hätten sie nur geahnt, was sie da tun. Denn fünf Jahre später erstarrte beim Blick auf Berlin jedes Lächeln. Und die Nazis versäumten in der Tat keine Gelegenheit, um die Spiele als Podium für ihre Größe und Selbstherrlichkeit zu benutzen. Mit dem für das Dritte Reich so typischen Rückgrat ließen die Bonzen antisemitische Parolen aus der Stadt entfernen und auch die Pogrome wurden eingestellt. Für die Dauer der Spiele. Wie in einem teuflischen Zeichentrickfilm wurden nach der Verabschiedung der letzten Medienleute die Schlagstöcke wieder hervorgeholt und das Inferno nahm seinen gewohnten Lauf. Übrig bleib ein epischer Riefenstahl-Film, für den die talentierte und doch so naive Leni auch noch eine Promo-Tour durch die USA machte.

Die Olympischen Spiele 1936 brachten keine Demokratie, keine Freiheit und keine Transparenz nach Deutschland. Die kam erst einen Krieg später, mit der vollständigen Entmachtung und einer zeitweiligen Militärherrschaft der Alliierten.

Die Zukunft wird weisen, wohin die obsessive Kindlichkeit des IOC, neuerdings die Spiele in kontroversen Länder und geplagten Landstriche zu veranstalten, letztendlich führt.

26 Milliarden hat die Bau- und Organisationsorgie der Chinesen gekostet. Im Augenblick werden mit Kanonen Silberjodid-Salven in die verdreckten Smogwolken über der Stadt geschossen, um den Himmel während der Eröffnung schöner zu machen. Über das grundsätzliche Verhältnis der Gastgeber zur Wahrheit und Wirklichkeit ist damit sicherlich alles gesagt.

Es ist doch nur Sport.

Sonntag, 27. April 2008

Ich ward ein Twombly - für sieben Minuten

Moderne Kunst leidet oft unter dem Unverständnis des Plebses, der sich wiederholt unfähig erweist, Farbquadraten und wilden, durcheinanderlaufenden Pinselstrichen die nötige Achtung zu zollen. Doch nur weil der Text mit den Worten "Moderne Kunst leidet" beginnt, bedeutet es natürlich nicht, dass die moderne Kunst per se leidet. Sie leidet so gar nicht. Leiden tun nur Künstler, die Jahre in eine Ausbildung investiert haben, in der Absicht, sich so viel klassischer techné wie nur möglich anzueigenen, nur um herauszufinden, dass zwischen Kunstfertigkeit und Erfolg heute keine Kausalität besteht.

Ich sage damit nicht, alles, das kunstfertig oder sinnig ist, sei automatisch zur Erfolglosigkeit verdammt. Ich sage lediglich, dass zwischen Talent und Erfolg zumindest in der Welt der Leinwände kein direkter Zusammenhang besteht. Es ist gelinde gesagt ein Glücksspiel.

Da kam mir nun ein Bild von Cy Twombly über den Tisch. Es stammt aus dem Jahr 1971 und erzielte vor wenigen Jahren bei Christie's in New York einen Rekordpreis von 5.4 Millionen Dollar. Der Laie würde es sicherlich als eine lustlose Schmiererei einstufen. Und es ist sicher kein Zufall, dass ich ein Laie bin. Doch es lässt mir keine Ruhe. Ich greife selbst zum Stift und Papier und beschließe es nachzumalen. Oder - wenn Sie so wollen - etwas ähnlich geartetes zu kreiern. Natürlich habe ich für solche Experimente keine Zeit und so nehme ich mir vor, dafür nicht mehr als zehn Minuten zu investieren.



Cy Twombly: Untitled (Rome), 1971




Ales Pickar: 7 Minutes in Rome, 2008 (Variation over a picture by Cy Twombly)



Twomblys Werk trägt den Titel "Untitled (Rome)". Ich konnte mir die programmatische Provokation nicht verkneifen und nannte mein Bild "7 Minutes in Rome". Denn ich hatte die Zeit, die ich mit der Bleistiftzeichnung verbrachte, mit einer Uhr gemessen und dann am oberen Bildrand festgehalten.

Was ging in mir in den sieben Minuten vor und wie ist mein Ergebnis zu bewerten?

Vorweg gesagt: Twomblys Bild ist vielfach besser als meins. Etwas anderes ist auch nicht zu erwarten. Erstens verbrachte der Urheber des ersten Werks ein halbes Jahrhundert mit dem Auftragen derartiger Striche und zweitens hat er sicherlich (oder vielmehr hoffentlich) mehr Zeit explizit in "Untitled (Rome)" investiert, als ich in "7 Minutes in Rome".

Beim Zeichnen meines Beitrags machte ich zuerst die Erfahrung, dass es nicht so einfach und selbstverständlich ist, wie man es sich vorher einbildet. Twombly hat sicher vorab eine felsenfeste Entscheidung bezüglich des Malgeräts getroffen, während ich den erstbesten Bleistift genommen hatte, der herumlag - was sich während des Zeichenvorgangs als ein Fehler erwies. Dann zeigte sich ganz klar, dass Cy Twombly wesentlich besser die eigenen Striche verwischen kann. Ich hatte mir kurzerhand ein Taschentuch geschnappt und hielt es kurz unter den Wasserhahn. Doch der geplante, nebelartige Verwischeffekt war nicht, wie ich ihn mir erhofft habe - ebenfalls ein Ergebnis einer falschen Stiftwahl. Ich trug lieber eine weitere Schicht aus den spiralenförmigen Strichen auf. Nach sieben Minuten galt das Experiment für mich als abgeschlossen.

Ich gebe mich geschlagen. Cy Twomblys Bild ist besser. Aber verfolgen Sie doch meine Gedankengänge noch einige Augenblicke.

Sagen wir doch mal, es sei 10x so gut wie meins. Wenn seins aber bei Christie's 5.400.000 Dollar generierte, sollte es doch angehen, daß "7 Minutes in Rome" zumindest 540.000 Doller erzielt. Sogar wenn man sagen würde "Untitled (Rome)" sei 100x besser als mein Bild, was mich nun aber ein wenig kränkt, könnte ich doch in dieser Milchmädchenrechnung auf immerhin satte 54.000 Dollar spekulieren.

Sie ahnen es schon. So funktioniert es nicht. Wie haben ja eingangs gesagt, dass es keinen Zusammenhang zwischen Talent und Erfolg gibt. Bei Sotheby's und Christie's wird ja nicht Kunst versteigert, sondern an Namen geknüpfte Objekte. Und zumindest an dieser Stelle besteht kein Zweifel: in der Welt der Maler habe ich keinen Namen. Armer Vincent.