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2023-06-01

Lina E. und der deutsche Frosch im faschistischen Kochwasser


ZITAT: "Am heutigen Mittwoch wurden die Antifaschisten Lina E. und drei weitere Angeklagte zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Den Angeklagten wird vorgeworfen, im Zeitraum von 2018 bis 2021 mehrfach Neonazis angegriffen zu haben. Sie sollen zudem einer „kriminellen Vereinigung“ nach Paragraf 129 StGB angehören. Lina E. wurde zu fünf Jahren und drei Monaten verurteilt. Die weiteren Angeklagten erhielten Haftstrafen von zweieinhalb Jahren, drei Jahren sowie drei Jahren und drei Monaten."


Das Abrutschen einer Nation in den Faschismus wird häufig von jenen übersehen, die davon betroffen sind. Das mag daran liegen, dass unter all dem Zuckerguss der Freiheit, der von der Kultur und dem Alltagskommerz über der Befindlichkeit einer Bevölkerung gestreut wird, sich eine unterschwellige Lust am Autoritären verbirgt. Es ist ein perverses Bedürfnis, Bestrafungen beizuwohnen und sich dadurch besser zu fühlen. Es ist der eklige Unterbauch von Herr und Frau Normalverbraucher.

Diese Geisteshaltung ist gepaart mit der ewigen Annahme, dass die Schikane immer für die Anderen gedacht ist. Es ist kein exklusives Lebensgefühl der Deutschen. Man muss sich nur ansehen, welche geradezu erotische Lust weite Teile der amerikanischen Bevölkerung nun mit der Vorstellung verbindet, über private Meinungs-Generatoren wie Twitter und Facebook endlich wieder kräftig zu zensieren. Es endlich mal jenen, die ihr dummes Lügenmaul aufreißen zu zeigen.

Und wie viele Jahre musste man ständig lesen, wie sehr es den kleinen Spießer freute, dass dieser Assange, der doch angeblich so ein arschiger Typ sei, endlich mal eingebuchtet wurde. Diese Charakterschwächen des alltäglichen Schwätzers versickerten im Laufe der Zeit zu einem verkniffenen Schweigen, als zunehmend Menschen rund um den Planeten ihre Solidarität mit Julian Assange bekundeten. Denn der bürgerliche, mittelständische Wochenend-Nazi mit dem Daumen auf der Fernbedienung ist nur dann vorlaut, wenn er sich in der Mitte einer großen Menschenmasse wähnt. Beginnt der Popanz jedoch an den Rand des Meinungsspektrums abzurutschen, ist es mit den derangierten Äußerungen schnell vorbei. Der Knochen wird fallen gelassen und man verbeisst sich lieber in einen anderen. Diese Denkstrukturen im Schutze von Parteien auszuleben, die vor Jahrzehnten den Ruf besaßen "links" zu sein, fühlt sich dann besonders sicher an. 

Es ist der Stoff, aus dem Illusionen gewoben sind. Es ist die Absage an Ursachen und die Zuwendung zu einem ziellosen Herumdoktern an den Symptomen einer Gesellschaft.

In Deutschland ist dieses reaktionäre Gefühl mit einer beispiellosen Passivität gepaart. Eine Schicksalsergebenheit, die sich von jeglichem Anteil an den Geschicken des eigenen Landes lossagt. Denn eine Zeitung der Springer-Presse zu lesen, ist keine aktive Teilnahme an der Gesellschaft. Es gleicht lediglich dem orientierungslosen Murmeln eines hypnotisierten Menschen.

In Richtung der Regierung Scholz zu blicken und tatsächlich noch immer zu denken: "Die werden es schon richten. Eigentlich machen sie doch einen guten Job." grenzt an kollektiver Geisteskrankheit.

Der seit Jahrzehnten schwelende Verdacht, dass der deutsche Verwaltungsapparat massive Flecken auf der Netzhaut hat, wenn es um Nazis und Rechtsradikale geht, während er eine geradezu amerikanoide Obsession für das Ausmerzen alles Linken zu kultivieren versucht, wird irgendwann ersticken. 

Das große neoliberale Werk wird dann vollbracht sein. 

Denn ist es nicht so, dass stets dann, wenn bei neoliberalen Machenschaften jemand einen Scheinwerfer auf das Geschehen richtet, in der Ecke des Raums ein Nazi mit einem Geldsack in den Händen für einen Bruchteil der Sekunden erkannt werden kann?

https://www.unsere-zeit.de/mehrjaehrige-haftstrafen-im-antifa-ost-verfahren-4780767/

2011-02-15

Die Geekolution

Gideon Böss schreibt in seinem Blog, warum er Julian Assange nicht mag (http://boess.welt.de/). Obwohl die darin umrissene Meinung des Autors legitim ist und nachvollziehbar, berührt das negative Gesamturteil doch in keinster Weise die Probleme der Gegenwart. Eine Unzulänglichkeit, die nicht nur hier in Erscheinung tritt, sondern in zahlreichen Zeitungsartikeln.

Dahinter steckt eine absurde Denkformel, die ungefähr so klingt: Wie kann Julian Assange der Messias sein, wo er doch so ein Arschloch ist?

Ich weiß. Ein Strohmann-Argument. Aber sich an dieser Stelle realpolitisch zu gebärden, ist einfach nur hoffnungslos langweilig.

Julian Assange ist möglicherweise ein unsympatischer Nerd, der durch exotische Wendungen des Schicksals zu einer Kultfigur geworden ist. Nun muss jeder für sich entscheiden, ob er mit einem Assange-T-Shirt herumlaufen möchte, oder nicht.

Doch das alles spielt keine Rolle. Es ist unwichtig, ob Assange sich für den obersten Informationsverwalter hält und ob er ein netter Typ ist (einiges spricht dagegen). Menschen wie Daniel Ellsberg tauchen nicht "zufällig" an einem bestimmten Punkt der Geschichte auf. Sie sind Symptome für einen Zustand, der unhaltbar geworden ist. Für die Fäulnis unter dem Teppich.

Beseitigen wir die Fäulnis und "Whistleblower" werden unnötig. Ich brauche auch nicht einem Heroinjunkie die Schlüssel zu meiner Wohnung zu geben, während ich in den Urlaub fahre. Niemand verlangt das. Aber ich sollte ihn als ein präzises Symptom sehen, für das Gemeinwesen in dem ich lebe. Es ist Zeitverschwendung, darüber zu brüten, ob man Assange mag, oder nicht. Wichtig ist nur, dass er ebenfalls symptomatisch für eine an vielen Stellen unerträgliche Welt ist. Das Problem ist nicht Assange und sein in der Öffentlichkeit breitgekauter Charakter. Das Problem ist diese monströse Architektur aus Lügen und Irreführung, die von uns Privilegierten als "Alltag" bezeichnet wird.

Gideon Böss lässt sich über das "unbedarfte Grinsen des Soldaten" aus (gemeint ist Bradley Manning), was einem journalistischen Contenanceverlust gleicht. Denn eine Zigarre ist manchmal nur eine Zigarre. Und das hier ist nur ein Foto von einem Jungen in der Armee. Physiognomik kann schnell zum Glatteis auf Karl-May-Niveau werden. Außerdem - was wäre hierbei der Rückschluss? Dass Alfred E. Neumann ein offensichtlicher Spitzbube ist?

Relevant ist nur, dass diese Zivilisation einen Paradigmenwechsel einschlagen muss, der nicht nur die Gesellschaft verändert, sondern in erster Linie die Wirtschaft und Politik.

Die ersten Schritte hierbei sind zugleich auch die unbequemsten Schritte. Die "netten" Jungs, wie Herr Böss oder ich, sind da halt nie zur Stelle, wenn es darauf ankommt. Wir schreiben nur im Nachhinein, ob uns Assanges Frisur gefällt.

Man sollte also nachsichtig sein mit Julian Assange. Nur ein arroganter Egomane konnte soviel Chuzpe aufbringen, um ein Vehikel in Bewegung zu setzen, das so tief im Schlamm steckte.

Wir waren ja nicht da.