Freitag, 25. September 2009

Monster mit Spiegeln in den Augen

Am letzten Mittwoch (23. September) hätte ich gerne die UN-Vollversammlung besucht. Noch nie zuvor habe ich einen solchen (und zugegeben leicht ekelhaften) Wunsch verspürt, doch an diesem Tag wäre es kurzweilig und amüsant gewesen. Zwei wahre Meister der Entgleisungen, passionierte Bartträger, gelegt an den selben Tag - ein Muss für alle Eklatfans.

Und sie blieben uns beide nichts schuldig. Zuerst trat Muammar al-Gaddafi auf, der oberste Zampano von Libyen und begann die Vereinten Nationen zu zerpflücken. Leidenschaftlich bezeichnete er den Sicherheitsrat der UNO als Terrorrat und wirbelte unentwegt mit einem kleinen Büchlein herum, das sich sehr schnell als eine Kopie der UN-Charta entpuppte und im Zuge der abwertenden Gesten, an denen der libysche Revolutionsführer nicht verlegen ist, spontan eingerissen wurde. Aus den selten eingehaltenen fünfzehn Minuten Redezeit wurden castroeske 95 Minuten. Hillary Clinton verließ demonstrativ den Saal. Eine Handlung, die Gaddafis Auftritt eine zusätzliche Validät verlieh.

Am Nachmittag ließ auch die zweite orientalische Begegnung nichts zu wünschen übrig. Der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad trat auf und ließ eine weitere seiner bereits unzähligen Hasstiraden gegen Israel vom Zaun. Vertreter Israels sind an diesem Nachmittag lieber gar nicht erschienen. Die Zeichen und Gesten überließ man lieber den Deutschen, die dann die zentrale Aufgabe hatten, während Ahmadinedschads Rede aufzustehen und den Saal zu verlassen. Demonstrativ.

Doch zurück zu Muammar, dessen Auftritt deutlich interessanter war, als das bereits vertraute antisemitische Gekläffe von Ahmadinedschad. Es lässt den Mundwinkel zucken, wenn Männer wie Gaddafi und Castro sich zu Vorbildern des Paradigmenwechsels stilisieren und auf Antiglobalisierungsgipfeln Reden gegen die entfesselte Marktwirtschaft schwingen. Gaddafis Mission scheint es zu sein, jene Lücke zu füllen, die Arafat durch sein Ableben offensichtlich hinterließ und es ist befremdlich, wie oft es ihm, der den modernen islamischen Terrorismus überhaupt erst aus der Taufe hob, gelingt.

Auch ist kein Geheimnis, dass Gaddafi nur deshalb den Gastgeber UNO verunglimpfte, da die Weltorganisation seinen Antrag auf die Zerschlagung der Schweiz, den er am 2. September stellte, abgelehnt hat. Und warum wollte eigentlich Gaddafi die Schweiz auflösen lassen? Weil er wütend darüber war, dass die Schweizer Polizei seinen derangierten Sohn Motassim Bilal "Hannibal" Gaddafi in einem Hotel verhaftete, nachdem er seine schwangere Freundin im Beisamen seiner Ehefrau verprügelt haben soll. Vater Gaddafi drohte mit Atombomben, die er zu seinem Bedauern nicht hatte.

Soweit die Schelte auf das Konto eines lupenreinen Diktators.

Die komische Tragik an dieser Sache besteht darin, dass alles, was Gaddafi an diesem Mittwochvormittag von sich gab, nichts als die reinste Wahrheit ist.

Natürlich hat er recht, wenn er sagt, dass der sogenannte Sicherheitsrat mit seinem Vetorecht, ein Terrorrat ist. Die fünf Vetomächte USA, Russland, China, Frankreich und Großbritannien sind die größten Waffenhersteller und Waffenhändler auf diesem Planeten. Es gibt kaum einen Kindersoldat in Afrika oder Burma, der nicht eine Schusswaffe aus einem dieser Staaten in der Hand hält.

Das Vetorecht erlaubt diesen Ländern binnen eines Augenblicks sämtliche Resolutionen abzuschmettern, die ihrer umsatzorientierten Agenda schaden könnten. Wenn man sehen möchte, wie Menschenrechte nicht nur mit den Füßen getreten werden, sondern wie auf sie anschließend mit verhöhnendem Grinsen draufgepisst wird, muss man sich nur mit der Geschichte der UNO befassen.

Die Deutschen versuchen seit Jahren emsig in den ständigen Sicherheitsrat beizutreten. Sie betonen, dass die Gräuel des Zweiten Weltkriegs nun lange zurückliegen und die Bundesrepublik schließlich eine führende Wirtschaftsmacht sei, mit einem starken demokratischen und menschenrechtlichen Portfolio.

Tatsächlich hat Deutschland in den letzten Jahren als Waffenhändler und Hersteller von Atomwaffenkomponenten derartig rasant die Marktführer aufgeholt, dass man von dieser Warte aus verstehen muss, weshalb die Deutschen auf ihr Recht pochen, bei diesem massenmörderischen Eliteclub dazuzugehören.

Die UNO ist eine der dreistesten Lügen und Heucheleien, die auf dem diesem Planeten aufrechterhalten werden. Ein Possenspiel, das nur deswegen funktioniert, da ein Großteil der Weltbevölkerung den dortigen Sitzungen und Beschlüssen keine Aufmerksamkeit schenkt und noch immer rein national denkt. Bei näherer Betrachtung fällt auch den Langsamsten der obskure Charakter dieser angeblich am Frieden orientierten Welt-Institution auf.

Wenn man nun im Geiste von al-Gaddafi die relativ kurze UN-Charta nimmt und durchliest, stellt man natürlich schnell fest, dass es uns als Menschheit besser dastehen ließe, die UNO sofort aufzulösen.

Es gibt keinen Zweifel an dem soziopathischen Charakter eines schimpfenden Würdenträgers wie Gaddafi. Doch die finale Frage, die interessanter ist, als Stellung zu beziehen für und wider Muammar al-Gaddafi, lautet: Was sagt es denn über uns aus, wenn es nur noch die Scheusale und Tyrannen auf dieser Welt sind, die sich wenigstens halbwegs um die Wahrheit bemühen?

Samstag, 23. Mai 2009

Der verbotssüchtige Planet

Ich habe jetzt so ein neumodisches Mobiltelefon mit vielen Tasten und breitem Display. Ich kann damit Nachrichten downloaden und eMails schreiben. Woran liegt es, dass die großen Science-Fiction-Autoren der Goldenen Ära in den Vierziegern, Fünfzigern und Sechzigern alles nur Erdenkliche in die Zukunft projiziert haben, doch kaum einer von ihnen sah Handys, Palmpilots und Notebooks voraus?

Wie auch immer - mein Handy kann auch News downloaden und so lese ich jetzt von den Bemühungen der Bundesregierung, Paintball zu verbieten.

Vorweg: ich denke die Science-Fiction-Schriftsteller hatten die Handys aus verschiedenen Gründen nicht vorausgesehen. Erstens waren die meisten von ihnen Optimisten, die gerade den Zweiten Weltkrieg hinter sich gebracht haben und der Zukunft hoffnungsvoll und technologiebegeistert entgegenblickten. In so einer Stimmung phantasiert man nur nützliche futuristische Objekte und nicht ein werbeverseuchtes Stück Plastik, von dem du belanglose 140 Zeichen lange Textnachrichten darüber absenden kannst, in welchem Regal eines Supermarkts du gerade stehst. Ein SciFi-Autor ist meistens bemüht, der Zukunft eine Art von historischer Bedeutung zu verleihen. Die darin vorkommenden Objekte sind wichtig und demonstrieren Effizienz. Niemand hatte damals von diesen Autoren erwartet, dass sie sich belanglose, infantile Spielzeuge ausdenken. Wie tragisch, dass sie gerade damit den Zeitgeist der Zukunft perfekt getroffen hätten.

In diesem Zeitgeist schwebt sicherlich auch Paintball. Aber obwohl selbst kaum interessiert, sehe ich darin doch archaische Züge, die aus einer Gesellschaft zu tilgen, vermutlich einer Kastration gleichkäme. Ich behaupte, es gab schon immer Paintball - in anderen Permutationen und in anderen Zeitaltern. Antike, Mittelalter. Und oft gab es - im Gegenteil zu heute - keine Helmpflicht.

Falls ich da richtig unterrichtet bin, wurde das Verbot von der regierenden Parteikoalition angestrebt, nicht explizit von der Regierung - was für einen Unterschied das auch machen mag. Das Verbot wird ja inzwischen als gescheitert eingestuft. Es kam nach dem Amoklauf von Winnenden auf die Tagesordnung - was ein bereits vertrauter Mechanismus ist. Nach jeder schrecklichen Tat solchen Ausmaßes suchen alle nach Antworten und Begründungen - und der erste Ort zu suchen, ist stets die Biographie des Täters.

Dass derartige Untersuchungen verstörte Charaktere und psychotische Verhaltensmuster offen legen, ist unbestritten. Aber das Verbieten von irgendwelchen Subkulturen ist hierbei deshalb der falsche Weg, weil Verbote meistens nur die Nachfrage anheizen. Man würde meinen, studierte Beamte (aka Politiker) wüssten das nach Jahrzehnte und Jahrhunderte langen Erfahrung langsam.

Ich bin nicht generell gegen Verbote, so wie ich nicht gegen Interventionen bin. Und ein Verbot ist in erster Linie eine Intervention.

Schließlich bin ich ja dafür, dass zum Beispiel Kinderpornographie verboten ist und ich habe durchaus den Glauben, dass dank der Gesetzeslage die Situation hierzulande besser ist, als sie es ohne die entsprechenden Gesetze wäre.

Beim Verbot von Paintball glaube ich allerdings nicht an einen positiven Erfolg. Nur einige Kilometer hinter der Grenze zu Tschechien gibt es riesige Paintball- und Gotcha-Anlagen. In einigen kann man auch mal in einer Waffen-SS-Uniform herumtollen. Durch Verbote treibt man diesen Betreibern eine radikalisierbare Kundschaft in die Arme.

Ein Verbot ist stets eine Einschränkung der Freiheit. So simpel ist es. Doch eine grenzenlose Freiheit ist eine Illusion - zumindest so lange man eine soziale Struktur aufrecht erhalten möchte.

Ich könnte mit dem Verbot von Paintball leben. Doch dann erwarte ich auch, dass mit dem Verbot der "Verbietende" (aka "Staat") eine halbwegs glaubwürdige Garantie übernimmt, die Vorgänge, deren Ursachen da nun verboten werden sollen, auch wirklich zu vermeiden.

Doch kein Politiker würde dieses Abkommen direkt mit dem Volk treffen. Denn sie alle wissen, dass sie nach einem Verbot das Ausbleiben einer Folgetat nicht garantieren können. Sogar sie wissen, dass es da keinen echten Zusammenhang gibt und dass wieder einmal alles nur gelogen war.

Schließlich ist es eine alte Tradition vieler Politiker und Staatsmänner, die selbst kein brauchbares und originelles Konzept auf der Agenda haben, einfach etwas subkulturelles zu finden, dessen Verbot sie dann anstreben.

Oder glaubt jemand, Cannabis wurde deshalb verboten, weil die Straßen, Krankenhäuser und öffentliche Toiletten sich plötzlich mit toten Kiffern überhäuften?

Verbotswellen sind stets ein Ausdruck für die Infantilisierung einer Gesellschaft. Und ein Beweis dafür, dass wir darin versagt haben, eine Lösung an der Ursache des Problems zu finden. Da wir das Gefühl haben, dass es uns nicht gelingt, einem kleinen Kind alle Konsequenzen einer Handlung verständlich zu machen, sprechen wir ihm gegenüber radikale und imperative Verbote aus. Sehr oft in dem Geist eines späteren Verständnisses. Es ist eine typische Formulierung: "Eines Tages wirst du es verstehen und mir noch danken."

Mit der Politik und der Gesetzgebung ist es ein wenig anders. Hier werden Verbote verabschiedet in der unausgesprochenen Formulierung: "Bald werdet ihr eh vergessen haben, warum wir es eigentlich verboten haben. Aber das ist egal, denn dann ist unsere Legislaturperiode ohnehin vorbei."